TAGEBUCH von Steven Grahl 4: Die Geschichte vom Abschied

Manchmal werde ich im Alltag von kurzen Momenten inspiriert. Vor kurzem hatten wir eine Verabschiedung im Krematorium Halle und kurz darauf hatte ich Gedankengänge, die ich in einem Text zum Thema Abschied verfasst habe. Ich denke, dass es ein Thema ist was alle irgendwann mal betrifft. 

Eintrittskarte Fußballstadion 1. FC Magdeburg Tageskarte 2004/2005, Foto: privat
Foto: privat

Jeden Tag verabschieden wir uns. Von Kollegen, vom Tag oder beim Einkaufen vom netten Kassierer, der mir dazu auch noch einen schönen Tag wünscht.

Auf Wiedersehen. Mach’s gut. Bis dann mal.

Es fließt in unseren Alltag ein und gehört natürlich zum höflichen und guten Ton. Wünsche den Leuten einen guten Tag und verabschiede dich ordentlich. So haben es uns Eltern, Erzieher und Lehrer beigebracht.

Aber im Leben kommen unweigerlich eines Tages Abschiede auf uns zu, auf die man nur selten vorbereitet wird. Es gibt kein Handbuch für das Abschiednehmen, wenn es für immer ist.

Es wird irgendwann Teil unserer Geschichte. Der letzte Moment. Das letzte Wort.

Ich habe in den letzten Jahren verschiedene Blickwinkel auf diesen Moment bekommen. Ich habe ihn begleitet, ermöglicht und auch selbst durchlebt.

Eine frühe Geschichte und eine meiner ersten Berührungen mit dem Tod hatte ich mit 13 Jahren. Genau war es der 06.11.2004. Ich war mit meinem Jugendfreund und dessen Vater in Magdeburg bei einem Fußballspiel. In meiner Erinnerung war es ein starkes Erlebnis. Die Atmosphäre im Stadion, die Gesänge.

Euphorisiert von allem stand ich damals in meinem Kinderzimmer und wartete darauf, meiner Mutter davon zu berichten. Sie kam an diesem Tag etwas später nach Hause. Als sie in mein Zimmer kam und sich an die Heizung stellte, sagte sie: „Ich muss dir etwas sagen …“

In diesem Moment stand ich kurz davor, das erste Mal wirklich zu verstehen, dass das Leben ein Ende haben kann.

Natürlich ist man mit 13 insofern aufgeklärt. Aber man selbst blüht vor Leben und im Kopf ist man noch unschuldig mit den Gedanken.

Meine Oma war verstorben.

Sie war immer ein Teil meiner Kindheit gewesen. Erinnerungen an sie waren immer glücklich. Und das sollte nun nicht mehr sein. Sie sollte nun Vergangenheit sein?

Am Tag der Beerdigung, meine erste überhaupt, wusste ich nicht, wie man sich verhält. Mein Cousin und ich blödelten an diesem Tag etwas herum. Vielleicht, um die ernsten Mienen der Erwachsenen auszublenden.

Doch dann kam der Moment. Nach der Zeremonie sollten wir an das Grab treten und Blüten oder Erde hineinwerfen. Abschied nehmen und Lebwohl sagen.

Wir versprachen uns, nicht zu weinen. Und doch brachen wir dieses Versprechen an diesem Grab.

Auch jetzt beim Schreiben merke ich, dass ich dieses Versprechen bis heute nicht halten kann.

Da war er. Der erste Abschied für immer.

Ruhe in Frieden, Oma.

Als Seelsorger begleite ich heute diese Momente kurz nach dem Versterben und betrachte sie aus der zweiten Reihe.

„Möchten Sie sich noch einmal verabschieden?“

Das ist eine der häufigsten Fragen, die ich stelle. Damit möchte ich den Menschen in dieser Situation die Möglichkeit geben, sich mit warmen Worten von ihrem Liebsten zu verabschieden.

Nicht selten sind es die nicht gesprochenen Worte, die in diesen Momenten ihren Weg finden müssen.

Das kurze Schimpfen darüber, wie sie nur einfach so gehen konnten. Das Erinnern an die gemeinsame Zeit. Und das Versprechen:

„Wir werden irgendwann wieder zusammen sein.“

Ein Versprechen für die Ewigkeit. Selbst das Eheversprechen zweier Menschen endet vorher: „Bis dass der Tod uns scheidet.“

Es sind die letzten Worte, die zu den Verstorbenen gesprochen werden, die mich bis heute immer ergreifen. Nicht, weil es die letzten sind. Sondern weil es die ehrlichsten sind.

Einen Verstorbenen muss man nicht mehr anlügen. Hier wird gesprochen, was im Herzen getragen wird.

Einer der bis hierhin schönsten und auch ergreifendsten Abschiede in meiner Zeit als Seelsorger war in einem Krankenhaus.

Ich war dorthin gerufen worden, weil ein Langzeitpatient verstorben war. Seine Verlobte befand sich im Krankenhaus und hatte dort von seinem Tod erfahren.

Als ich im Krankenhaus ankam, wurde ich von einer Krankenschwester empfangen. Sie hatte den Verstorbenen über längere Zeit gepflegt und dadurch auch Kontakt zur Verlobten gehabt. Sie schilderte mir kurz die Situation und brachte mich zu ihr.

Die Verlobte war Brasilianerin und kämpfte mit ihren Emotionen. Ihr sehnlichster Wunsch war es, ihn noch einmal sehen zu dürfen. Hier und jetzt.

Die Schwester und das Personal machten dies möglich. Sie bereiteten den Abschiedsraum im Krankenhaus vor und bahrten den Verstorbenen dort auf.

Im Keller dieses Krankenhauses fand ich mich in einem sehr schönen und herzlichen Raum wieder. Mit der Verlobten, die mich bat, im Raum zu bleiben.

Ihr Verlobter lag in einem Sarg. Hergerichtet wie ein Bett, mit gefalteten Händen. Sofort nahm sie seine Hände in ihre.

Auch die Krankenschwester blieb im Raum. Ich merkte, dieser Abschied sollte nicht nur für die Verlobte sein.

Was diesen Abschied so besonders machte, waren die warmen und liebevollen Worte der Verlobten. Sie sprang zwischen Deutsch und Spanisch. Und doch hörte sich jedes Wort an wie eine warme Umarmung.

Diese Verabschiedung endete nach etwa 30 Minuten mit Worten, die mir bis heute im Ohr klingen. Sie waren so ehrlich ausgesprochen, dass sowohl ich als auch die Krankenschwester für einen Moment die Augen schließen mussten.

„Te amo. Ich werde dich auf ewig lieben.“

Es gibt Abschiede, die im Leben beginnen und bei denen feststeht, dass es vermutlich das letzte Wiedersehen sein wird. Wenn eine Krankheit die Uhr des Lebens eines Menschen schneller voranschreiten lässt, als es uns lieb ist.

So verlief mein persönlicher letzter Abschied.

Ich erfuhr, dass meine Tante an einem bösen Krebs erkrankt war. Meine Mutter, um deren Schwester es sich handelte, hatte mir das am Telefon gesagt.

Als ich für meine Ausbildung weiter weg zog, schlief der Kontakt etwas ein. Auch zu meiner Cousine, deren Mutter es war.

Aber es war klar: Auch wenn der Kontakt ruhiger war, rücken wir jetzt zusammen.

Meine Mutter kann da auch nicht anders. Wir müssen helfen und zusammenstehen. Hier wird niemand allein gelassen. Eine Eigenschaft, die sie wohl an mich und meine beiden Geschwister weitergegeben hat.

Ich blieb über den Zustand auf dem Laufenden. Leider verschlechterte er sich.

Ich bat meine Mutter, mir die Chance zu geben, Lebwohl zu sagen.

Warum war mir das diesmal so wichtig?

Meine Tante Biggi, wie wir sie liebevoll nannten, war immer da gewesen. In meiner Kindheit und auch später, als ich ein junger Erwachsener war.

Sie war es auch, die für meine erste Wohnung gebürgt hatte. Damit hatte sie einen großen Anteil daran, dass ich meine ersten selbstständigen Schritte gehen konnte.

Aber sie war auch einfach ein Teil meiner Familie. Eine von mehreren Tanten, die mich mein ganzes Leben begleitet haben. Auch ohne regelmäßige Anrufe oder Besuche.

Eine Frau, die wusste, wie man mit schweren Zeiten im Leben umgeht. Und die es trotzdem immer schaffte, dass irgendwo die Partystimmung aufkam.

„Es wäre gut, wenn du heute kommst.“

So begann der Abschied.

Ich stieg ins Auto und fuhr zu meiner Mutter, damit wir gemeinsam zu Besuch fahren konnten. Meine Tante war inzwischen aus dem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung verlegt worden und wurde palliativ begleitet.

Ich wusste nicht, was mich erwartete, als ich das Zimmer betrat.

Zuerst stand meine Cousine vor mir.

„Hallo, Großer, schön, dass du hier bist.“

Ich sah in ihren Augen, dass sie lange Tage hinter sich hatte. Also drückten wir uns kurz. Dann ging ich zu meiner Tante ans Bett.

„Hallo Tante Biggi, ich bin’s, Steven.“

Ein leises „Och, schön …“ war zu hören.

Die Medikamente und der geschwächte Körper ließen zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Gespräche mehr zu.

Also waren wir nun da. Als Familie.

Wir sprachen miteinander über alles Mögliche, lachten und hielten abwechselnd die Hand meiner Tante.

Irgendwann kam der Moment.

Wir würden jetzt das Zimmer verlassen und nach Hause fahren.

Es war klar, dass dies das letzte Mal sein würde, dass meine Tante und ich uns im Leben sehen.

Was sagt man in diesem Moment? Nicht wissend, ob sie die Worte überhaupt noch wahrnimmt.

Also wünschte ich ihr einen schönen Weg und sagte ihr, dass ich mich gefreut habe, noch einmal da sein zu können.

„Leb wohl, Tante Biggi.“

Abschied nehmen tut weh. Und doch heilt es.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, diesen Abschied zu begleiten.

Still. Laut. Oder unsichtbar.

Portraitfoto Steven Grahl, aufgenommen im Außenbereich des Flamariums

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.

Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)