TAGEBUCH von Steven Grahl: Die Geschichte vom Tischlein deck dich

Flamarium, Außenfassade, davor Sträucher, ein Teich, blauer Himmel und Sonnenschein
Foto: Sandra Strauß

Natürlich dreht sich in einem Krematorium nicht alles um Tod und Trauer.

Nach und nach lernte ich die Kollegen besser kennen und stellte fest: Der Großteil sind Quereinsteiger. Das bringt eine besondere Vielfalt in die Belegschaft. Unterschiedlichste Berufe treffen hier an einem Ort zusammen.
 
Für ein Unternehmen ist das ein echter Vorteil. Für vieles, was anfällt, gibt es jemanden, der es gelernt hat. Und wenn nicht, hilft das Netzwerk.
 
An beiden Standorten, in Halle und Osmünde, gibt es allerdings einen ganz besonderen Platz.
Den des „Tischlein deck dich“.
Diesen Namen habe ich irgendwann im Spaß aufgeschnappt. Und er passt erstaunlich gut.
 
Gemeint ist der Pausentisch, zentral gelegen im Krematorium. Seinen Namen hat er, weil ich diesen Tisch bisher kaum ohne etwas zu essen darauf gesehen habe. Es ist fast schon faszinierend. Irgendetwas steht immer bereit für die Kollegen. Besonders beliebt sind Süßigkeiten. Zu Geburtstagen oder kleinen Jahrestagen wird das Angebot dann noch einmal deutlich erweitert.
 
Der Tisch gilt intern gleichermaßen als Fluch und Segen.
Es heißt nicht umsonst: Wer im Flamarium anfängt, nimmt mindestens zehn Kilo zu.
 
Und ein bisschen Wahrheit steckt wohl drin.
 
Gleichzeitig zeigt dieser Tisch etwas anderes. Die Kollegen wollen sich gegenseitig eine Freude machen. Manchmal wird auch einfach die süße Last von zu Hause auf mehrere Schultern verteilt. Eine Art kollektive Diät, wenn man so will.
 
Die Arbeit hier fordert Bewegung und Konzentration. Ich hatte selten weniger als 10.000 Schritte am Tag. Da fällt ein Stück Schokolade kaum auf. Oder zwei.
 
Man achtet aufeinander. Nicht nur beim Essen.
Geht es jemandem nicht gut, wird entlastet. Gibt es private Fragen, findet sich fast immer jemand, der zuhört oder weiterhelfen kann. Vielfalt ist hier kein Schlagwort, sondern Alltag.

 Gerade für mich als Quereinsteiger war das spürbar. Man wird hier nicht lange als „der Neue“ geführt. Man wächst schneller rein, als man es aus anderen Branchen kennt.
 
Am Ende zeigt dieser Tisch etwas sehr Einfaches:
Wir achten aufeinander. Wir teilen. Wir geben ab.
 
Die Vielfalt der Kollegen macht das Flamarium aus. Viele Geschichten, viele Blickwinkel.
Und doch haben am Ende alle die gleiche Aufgabe.

Portraitfoto Steven Grahl, aufgenommen im Außenbereich des Flamariums

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.

Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)

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