„STERBEN FRAUEN ANDERS?“
Interview mit Hanna Roth
von Sandra Strauß
Sterben Frauen anders? Und wenn ja – warum? In ihrem Buch geht Hanna Roth genau dieser Frage nach. Als Mitgeschäftsführerin des Bestattungshauses Pütz-Roth erlebt sie täglich, wie unterschiedlich Menschen mit Tod, Trauer und Abschied umgehen – und welche Rolle dabei Geschlecht, gesellschaftliche Prägung und Fürsorgearbeit spielen. Im Gespräch mit Sandra Strauß spricht sie über persönliche Erfahrungen, weibliche Trauerkultur, Einsamkeit im Alter, Familienunternehmen zwischen Tradition und Aufbruch – und darüber, warum Trauer vor allem eines ist: ein Ausdruck von Liebe.

Sandra: Liebe Hanna, herzlich willkommen zu unserem drunter+drüber-Interview.
Hanna: Danke für die Einladung.
Sandra: Bereits im dritten Absatz auf der ersten Seite im Vorwort deines Buches „Sterben Frauen anders?” hattest du mich bei dem Satz: „Die Gattinnen reicher Männer haben wohl die höchste Lebenserwartung, wenn sie nicht zu Opfern ihrer Ehemänner werden.” Da spürte ich, dass es für mich in die richtige Richtung geht, denn beim ersten Aufschlagen wusste ich noch nicht, was mich als Leserin erwarten wird. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Buch. Wie fühlt es sich für dich an, Autorin zu sein und eine eigene Veröffentlichung zu haben?
Hanna: Es ist eine unglaublich spannende Zeit für mich. Bisher hatte ich eher versucht, mich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten und das meinem Bruder zu überlassen. Jetzt mit Buch ist das anders. Die Reaktionen machen mir unglaublich viel Mut – das ist wirklich toll. Manchmal frage ich mich, warum ich mich so lange dagegen gesträubt habe.
Sandra: Weißt du, woran das lag?
Hanna: Ich kann es nicht hundertprozentig sagen. Vielleicht ist es wie bei einem guten Wein – ein Reifungsprozess. Jetzt komme ich langsam in ein Alter, in dem ich merke: Das kann ich. Und ich mache es sogar gern. Wenn man erst einmal Freude daran entdeckt, fällt vieles leichter.
Sandra: Warum wolltest du dieses Buch schreiben?
Hanna: Weil mich das Thema schon lange beschäftigt. In unserem beruflichen Alltag sehe ich deutliche Unterschiede – vor allem im Umgang mit Trauer, Sterben und Tod. Frauen gehen oft offener damit um, setzen sich früher damit auseinander. Männer hingegen schieben das Thema eher vor sich her – ähnlich wie den Arztbesuch. Niemand möchte sich gern mit der eigenen Endlichkeit beschäftigen. Mich hat interessiert: Woran liegt das? Was sind die Hintergründe?
Sandra: Der Titel deines Buches lautet „Sterben Frauen anders?“. Sterben Frauen anders?
Hanna: Ja – in gewisser Weise schon. Frauen leben im Durchschnitt länger. Dadurch ergeben sich andere Begleiterscheinungen. Sie erkranken häufiger an Demenz, erleben oft einen längeren Sterbeprozess. Männer gehen seltener zum Arzt – wenn dann etwas passiert, kommt es oft plötzlich. Frauen hingegen erreichen ein höheres Alter und sind dadurch häufiger auch von Einsamkeit betroffen.
Sandra: Du schreibst gleich zu Beginn auch über soziale Unterschiede. Gibt es beim Sterben einen Unterschied zwischen arm und reich?
Hanna: Natürlich. Die finanziellen Möglichkeiten spielen eine Rolle: Kann ich mir eine große Trauerfeier mit 300 Gästen leisten – oder eben nicht? Die Lebenssituation beeinflusst auch den Abschied.
Sandra: Du verbindest in deinem Buch mehrere Ebenen miteinander. Du behandelst „klassische” Themen rund um Tod, Sterben und Trauer, bringst persönliche Erfahrungen ein und integrierst zusätzlich geführte Interviews mit anderen Frauen oder eigene Texte über bekannte Persönlichkeiten – wie Amy Winehouse, Hannelore Kohl, Lady Diana, Queen Elizabeth II … Diese drei Ebenen greifen in jedem Kapitel ineinander. Warum hast du dich für diese Herangehensweise und Struktur entschieden?
Hanna: Ich kann aus meinem Beruf heraus viel Persönliches erzählen und habe viele Erfahrungen gesammelt, die andere Menschen vielleicht inspirieren oder zum Nachdenken anregen können. Gleichzeitig gibt es zahlreiche bekannte Frauen, die mich und uns begleitet und inspiriert haben – mit deren Tod wir vielleicht sogar mitgelitten haben. Diese Geschichten bewegen uns. Mir war wichtig, das alles zu verbinden.
Sandra: Warum war dir wichtig, viele persönliche Erfahrungen in dein Buch einfließen zu lassen? Ich finde das sehr gut, weil es dann alles immer authentischer und greifbarer macht.
Hanna: Ja, genau. Ich finde, persönliche Einblicke machen das Thema erlebbarer. Zum Glück haben die meisten Menschen nicht täglich mit Tod und Trauer zu tun. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, konkrete Beispiele zu geben: Was ist möglich? Was darf ich? Was könnte ich tun?
Ich möchte Mut machen, über den Tellerrand hinauszuschauen und sich frühzeitig zu fragen: Wie möchte ich behandelt werden? Was wäre mir wichtig? Und was wünsche ich mir für meine Angehörigen? Wenn wir uns vorher keine Gedanken machen, kommt zur ohnehin extremen emotionalen Belastung noch enormer Stress hinzu. Oft höre ich Monate später: „Das hätte ich gern noch gemacht“ oder „Das hätte ich gebraucht“. Aber diese Situation ist einmalig. Man kann sie nicht wiederholen. Deshalb möchte ich Mut machen, sich rechtzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen, damit man im Nachhinein eben nicht irgendetwas bedauert.
Sandra: Wie hast du deine Interviewpartnerinnen ausgewählt?
Hanna: Teilweise kannte ich sie bereits – wie zum Beispiel Stephanie Gotthardt, die bei uns in der Trauerbegleitung arbeitet. Bei ihr wusste ich sofort: Das passt. Andere Frauen kannte ich aus unserem Podcast „Talk about Tod“. Dort haben sie so spannende Perspektiven eingebracht, dass ich dachte: Diese Stimmen sollten auch im Buch vorkommen.
Sandra: Du schreibst ebenso über bekannte Frauen. Besonders Amy Winehouse bekommt viel Raum, was ich natürlich hervorragend finde. Sie war für mich eine unglaublich beeindruckende Persönlichkeit mit einem sehr bewegten Leben.
Hanna: Ich liebe ihre Musik. Wenn ich ihre Lieder höre, bin ich sofort emotional da – und ja, „No, no, no“ kann man nicht einfach sprechen, das muss man singen. Selbst bei Lesungen mache ich das, obwohl ich sonst niemals singen würde. Aber für Amy und das Kapitel tue ich das.
Sie war für mich eine unglaublich inspirierende Frau – voller Stärke und Kampfgeist. Und gleichzeitig ist sie für mich ein modernes Memento mori. Wir hören tagtäglich die Stimmen Verstorbener, ohne uns bewusst zu machen, was das eigentlich bedeutet. Amy Winehouse war eine großartige Frau, die viel zu früh gegangen ist.
Sandra: Wie reagieren Menschen bei Lesungen oder Veranstaltungen auf dein Buch? Tod und Trauer sind gesellschaftlich ja noch immer sensible Themen – und du verbindest sie zusätzlich mit Frauen, einer weiblichen Perspektive.
Hanna: Bislang durchweg positiv. Viele sagen mir, dass das Buch sehr gut lesbar ist, dass es keine Berührungsängste erzeugt. Man darf schmunzeln, manchmal sogar laut lachen – und wird gleichzeitig berührt. Genau das war mir wichtig.
Und ja, es kommen auch Männer zu Lesungen. Einige kaufen das Buch, lesen es – und finden es spannend. Mir geht es nicht darum zu sagen: Frauen machen es richtig und Männer falsch. Aber ich glaube, Männer können von der Offenheit vieler Frauen im Umgang mit Tod und Trauer profitieren. Wer sich mit seiner Endlichkeit auseinandersetzt, gewinnt Lebensqualität. Wenn ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist, nutze ich sie bewusster.
Sandra: In einem Kapital mit Elsa Romfeld geht es darum, dass Tod und Trauer ein Frauenthema ist – Stichwort „die Tödin“. Magst du das weiter ausführen?
Hanna: Es gibt zahlreiche Traditionen, in denen der Tod weiblich konnotiert ist. In Mexiko etwa ist Santa Muerte ein wichtiger Bestandteil des „Día de los Muertos“. In Griechenland gibt es die Klageweiber. Weibliche Figuren spielen in vielen Kulturen eine zentrale Rolle im Trauerritual.
Und wir sehen auch bei uns Veränderungen. Der Beruf des Bestatters wird noch immer stark männlich wahrgenommen. Doch die Realität wandelt sich: Offiziell sind inzwischen rund 57 Prozent der Auszubildenden Frauen, und bei den Bewerbungen bei uns ist der Frauenanteil noch deutlich höher. Der Bereich entwickelt sich zunehmend zu einem Care-Beruf – und in Care-Berufen sind traditionell viele Frauen tätig.
Sandra: Gleichzeitig waren im Bestattungswesen lange vor allem Männer tätig. Wie erklärst du dir das?
Hanna: Historisch kommt das Bestattungsgewerbe aus dem Handwerk. Viele Bestatter waren Schreiner. Dazu kommt der körperliche Aspekt: Verstorbene überführen, tragen, versorgen. Das wurde lange als „Männerarbeit“ gesehen.
Heute geht es um Begleitung, Organisation, Einfühlungsvermögen und um die Wünsche der Angehörigen. Zudem gibt es technische Hilfsmittel, die körperliche Hürden relativieren. Viele Frauen trauen sich das heute zu – und das finde ich großartig.
Sandra: Du bist im Familienunternehmen aufgewachsen. War das vor 20 oder 30 Jahren noch anders?
Hanna: Definitiv. In unserem Betrieb haben wir verschiedene Bereiche: Betreuung, Beratung und Verwaltung. Vor 20 oder 30 Jahren gab es in der praktischen Betreuung keine einzige Frau. Erst ab etwa 2006 änderte sich das spürbar. Ich finde es eine wunderbare Entwicklung. Es braucht Mut – aber es ist ein Beruf, der unglaublich viel zurückgibt.
Sandra: Was genau gibt er dir zurück?
Hanna: Vor allem Sinnhaftigkeit. Es ist berührend, Angehörige in dieser Ausnahmesituation zu begleiten und gemeinsam Wege zu finden, die wirklich zu ihnen passen.
Ein Beispiel: Ein junges, tätowiertes Ehepaar – beide Tätowierer. Die Frau verstarb. Der Mann sagte im Gespräch: „Wir machen eine klassische Trauerfeier – und danach eine große Party bei uns zu Hause mit lauter Musik.“ Ich schaute ihn an und sagte: „Wenn ich Ihre Frau wäre, wäre ich jetzt ziemlich sauer. Warum feiern Sie ohne sie?“
Ich schlug vor, die Urne zur Feier mitzugeben – sodass sie symbolisch dabei sein konnte. Am nächsten Tag sollte dann die eigentliche Beisetzung stattfinden. Er war völlig überrascht: „Das geht? Das darf ich?“ Wir haben es so umgesetzt. Er war zutiefst dankbar. Es passte zu ihnen – und schuf einen stimmigen Abschied. Genau das meine ich: Man kann inmitten des Schmerzes echte, passende und schöne Momente schaffen.
Sandra: Warst du selbst eine Art Vorreiterin für Frauen im Bestattungswesen?
Hanna: Das würde ich mir nicht anmaßen. Aber ich glaube, dass auch die Arbeit meines Vaters – und generell die größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Hospiz- und Palliativarbeit – viel verändert hat. Das Thema ist sichtbarer geworden. Frauen entdecken: Das ist ein Berufsfeld mit Sinn. Ich muss nicht zwingend Bürokauffrau werden – vielleicht ist Bestattung genau mein Weg. Zum Glück bekommt das Thema heute mehr Öffentlichkeit.
Sandra: Wolltest du schon immer in den Familienbetrieb einsteigen? Jetzt bist du neben deinem Bruder Geschäftsführerin.
Hanna: Unsere Eltern haben das sehr klug gelöst. Seit wir 14 waren, haben wir im Betrieb mitgearbeitet – um unser Taschengeld aufzubessern. Natürlich hatte ich zwischendurch andere Ideen. Ich liebe Krimis und Thriller, forensische Psychologie hätte mich auch interessiert. Aber das ist ein sehr spezielles Feld.
Für mich war relativ früh klar: Ich möchte zumindest richtig einsteigen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Wenn die Eltern etwas so Großartiges aufgebaut haben, dann sollte man es nicht nur aus der Ferne beurteilen. Man muss es wirklich erleben.
Kurz bevor ich diese Entscheidung traf, starb mein Opa. Ich habe meine Mutter bei der Organisation stark unterstützt, war bei Gesprächen dabei – und habe zum ersten Mal gespürt, wie viel Sinn es mir gibt, Menschen in so einer Situation zu begleiten. Dieses Gefühl hat mich nachhaltig geprägt.
Sandra: Euer Unternehmen, Pütz-Roth, gilt als Vorreiter – ihr veranstaltet Konzerte und öffentliche Events in eurem Areal. Vor 20 oder 25 Jahren war es im Bestattungsbereich noch keineswegs selbstverständlich, Promo- und Marketing-Aktionen zu machen. Warum war euch dieser Ansatz so wichtig?
Hanna: Wir möchten Schwellenängste abbauen. Viele Menschen machen einen Bogen um ein Bestattungshaus. Durch Veranstaltungen laden wir sie ein, einfach mal hereinzukommen – ohne akuten Anlass, ohne Druck. Es passiert nichts Beängstigendes.
Gleichzeitig schaffen wir Räume für Trauernde. Viele wissen nicht: Darf ich jetzt lachen? Darf ich ausgehen? Ist es in Ordnung zu singen – oder zu weinen? Mit unseren Veranstaltungen möchten wir zeigen: Ja, das alles darf sein.
Ich erinnere mich an meine Oma. Als mein Opa starb, hörte sie von einem Tag auf den anderen auf mittags zu kochen. „Für eine Person lohnt sich das nicht“, sagte sie. Genau da setzen wir an: Das Leben geht weiter – anders, aber es geht weiter. Unsere Veranstaltungen sollen dabei helfen.
Sandra: Spielt das Thema Einsamkeit dabei auch eine besondere Rolle?
Hanna: Definitiv. Gerade Frauen werden älter, der Partner stirbt früher, Kinder ziehen weg, Freundeskreise werden kleiner. Einsamkeit ist ein großes Thema.
Natürlich ist jede und jeder auch selbst gefragt, Angebote wahrzunehmen. Aber wir als Gesellschaft sollten ebenfalls hinschauen. Wenn ich merke, dass eine Nachbarin allein ist, kann ich sie vielleicht auf eine Veranstaltung aufmerksam machen oder einfach mal mitnehmen.
Zu Allerheiligen organisieren wir eine Feier auf unserem Friedhof, es gibt unsere „Kölsche Weihnacht“ für Trauernde in der Weihnachtszeit und unser Sommerkonzert „Streichleinheiten für die Seele“. Gerade an Feiertagen fällt Einsamkeit besonders auf. Wir möchten dann bewusst schöne Momente ermöglichen.
Sandra: Du kannst einen Leichenwagen einparken, schreibst du in deinem Buch 😉 Wirst du als Frau im Bestattungswesen mit Klischees konfrontiert?
Hanna: Einparken kann ich ganz gut – nur mit rechts und links tue ich mich manchmal schwer 😉
Wenn ich erzähle, dass ich Bestatterin bin, reagieren viele überrascht. „Das hätte ich nicht gedacht“, heißt es oft. Aber ich glaube, das liegt weniger daran, dass ich eine Frau bin, sondern eher an dem Bild, das viele von dem Beruf haben: düster, traurig, schwer. Ich bin jedoch ein sehr lebensfroher Mensch.
Sandra: Wie war es bei euch zu Hause in Bezug auf Rollenbilder? Wurdest du anders behandelt als dein Bruder?
Hanna: Nein, überhaupt nicht. Ich durfte alles sein, was ich wollte. In meiner Jugend hatte ich jede Haarfarbe, Dreadlocks – das fand mein Vater im ersten Moment nicht großartig, gerade im eher konservativen Umfeld. Aber er sagte immer: „Wenn du in den Betrieb willst, kannst du das später anpassen.“ Der Druck war nie da. Und ich bin jemand, der auf Druck eher mit Gegendruck reagiert. Vielleicht hätte ich sonst tatsächlich etwas anderes gemacht.
Sandra: Wie vereinbart ihr in eurem Unternehmen Familie und Arbeit?
Hanna: Das ist für uns natürlich ein wichtiges Thema und wir versuchen das zu unterstützen. Ich muss jedoch auch ganz klar sagen, dass man als Bestatter nicht unbedingt die familienfreundlichsten Arbeitszeiten hat. Wenn nachts ein Uhr das Telefon wegen einem Sterbefall klingelt, kann ich schlecht sagen: „Wir kommen übermorgen”, weil es gerade Samstagabend ist und ich den Sonntag auch noch mit meiner Familie verbringen möchte. Wir fahren dann nachts um eins los.
Das muss man wissen, wenn man diesen Beruf wählt. Meine Kinder sind inzwischen zehn und 13 und damit aufgewachsen. Sie sind selbstständig und verstehen unsere Arbeit. Aber es erfordert Organisation.
Meine Hebamme war eine Bereitschaftshebamme – mein Sohn kam an Heiligabend zur Welt. Da war sie auch da. Elf Tage zuvor war mein Vater gestorben. Mir hat es sehr geholfen, dass zu Weihnachten in dieser Zeit mein Sohn geboren wurde.
Sandra: Wie bist du mit deiner eigenen Trauer umgegangen, als dein Vater starb?
Hanna: Sehr offensiv. Ich bin ein authentischer Mensch. Ich habe viel geweint. Mein Ort für Emotionen war oft das Auto – Musik laut aufdrehen, mitsingen, mitschreien, Tränen zulassen.
Gleichzeitig war mein neugeborener Sohn da. Das Leben stand direkt vor mir. Und er hatte als Baby manchmal Gesichtsausdrücke wie mein Vater – das war berührend.
Sandra: „Trauer ist Liebe“, hattest du in einem Interview gesagt, das wir vor ein paar Jahren zusammen geführt haben. Magst du das noch einmal erklären?
Hanna: Es muss in irgendeiner Form eine Bindung vorher da sein, dass ich überhaupt trauern kann. Und je stärker diese Bindung ist, umso größer ist auch die Trauer. Ansonsten bin ich vielleicht betroffen, wenn ich von einem Todesfall höre. Aber das macht mich in der Regel nicht traurig. Und wie in der Liebe auch sollte man sich in der Trauer nicht seine Ausdrucksformen stehlen lassen und sich vielleicht auch mal Zeit nehmen zu überlegen, was gerade die Ausdrucksform ist, die ich für meine Trauer brauche? Wie stelle ich mir das vor? Gibt es ein Ritual, das ich dazu machen kann? Was tut mir gut? Gefühle dürfen ihren Ausdruck finden.
Sandra: Wie geht es jetzt mit deinem Buch weiter?
Hanna: Im April bin ich auf der Messe Leben und Tod in Bremen, im Oktober dann in Freiburg. Das werden vermutlich meine bislang größten Auftritte. Außerdem kommen zunehmend Anfragen für Lesungen – vor allem aus Hospizen, aber auch aus Frauennetzwerken und Unternehmerinnengruppen. Das freut mich sehr.
Sandra: „Sterben Frauen anders?” behandelt weibliche Perspektiven mit einer großen Selbstverständlichkeit – ohne erhobenen Zeigefinger. War das deine bewusste Entscheidung?
Hanna: Ja. Ich möchte nicht belehren, sondern zum Nachdenken anregen. Natürlich gibt es Frauen, die mit dem Thema Tod und Trauer nichts zu tun haben wollen – und Männer, die sich intensiv damit beschäftigen. Ich glaube, dass wir viel voneinander lernen können, und wenn wir offen miteinander sprechen, bekommen wir auch viele neue Ideen.

Hanna Roth
„Sterben Frauen anders?
Erfahrungen zwischen Empathie, Stärke und Schmerz“
Bonifatius Verlag, 2025
ISBN 978-3-98790-099-0

Über die Interviewpartnerin: Hanna Roth, Bestatterin und Trauerbegleiterin, geb. 1987 in Bergisch Gladbach, ist Teil der Geschäftsführung des weltweit bekannten Bestattungshauses Pütz-Roth. Nach einem Studium des Eventmanagements sammelte sie erste Berufserfahrungen in einer Werbeagentur. Seit dem Tod ihres Vaters, des Revolutionärs der Bestattungsbranche Fritz Roth, leitet sie gemeinsam mit ihrem Bruder David Roth das Familienunternehmen, das unter anderem für seinen privaten Friedhof „Gärten der Bestattung“ bekannt ist.
Foto linke Seite: Hermann und Clärchen Baus
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