„WEIHNACHTEN UND TOD” 12: Die Weihnachtsgeschichte
von Henriette Lippold
Weihnachten und Tod gehören eng zusammen. Jedes Jahr am 24.12. wird in den christlichen Kirchen der Welt an die Geburt Jesu gedacht. Meist in Form von kleinen szenischen Krippenspielen, in denen bevorzugt Kinder ihren ersten Auftritt haben. Viele Schauspielerkarrieren haben so begonnen, manche Traumata aber auch. Mit einer Kerze und Engelsflügeln zu sagen: „Jesus ist uns als Retter geboren“ ist halt nicht jedermanns Sache. Und was soll das überhaupt heißen? Jesus ist unser Retter?
Wenn wir die Geschichte vom Ende her denken, wird es noch komplizierter: Bekanntlich ist dieser Retter ja am Karfreitag einen grausamen Foltertod gestorben. Wie kann bitte ein gerechter Gott zulassen, dass sein Sohn ans Kreuz genagelt wird?
Und schwupps, sind wir mitten in einer der Grundfragen, die oft den Atheisten vom Glaubenden trennt. Im Advent erlaube ich mir ein paar Gedanken dazu und lade ein, die Perspektive zu wechseln: Denn nicht ein Gott hat Jesus ans Kreuz geschlagen, sondern Menschen. Sie haben in seiner Kritik an Ungerechtigkeit und seiner Liebe zu den Ausgeschlossenen eine Gefahr für die römische Ordnung gesehen und eine der demütigsten Todesarten gewählt. Was wäre also, wenn wir anerkennen, dass nicht Gott „Blut sehen will“, sondern die Menschen, die in Gewalt- und Machtspiralen gefangen sind? Dann wäre die eigentliche Frage nicht „Wie konnte Gott das zulassen?“, sondern: „Wie konnten wir das zulassen?“ Am Kreuz zeigt sich brutal ehrlich, wie wir Menschen mit einem umgehen, der nicht zurückschlägt, nicht mitlügt, nicht mit hasst. Und genau dort, wo Liebe scheitert und stirbt, setzen Christ:innen ein riesiges Ausrufezeichen: Gott bleibt da. Er geht nicht aus der Szene, wenn es hässlich wird, sondern nimmt in Jesus den Platz des Opfers ein.
Für Glaubende wie für Atheist:innen kann eine Zumutung, aber auch eine Chance darin liegen aufzuhören, alles an Gott, „die da oben“ oder „das System“ abzuschieben, und die eigene Verantwortung ernst nehmen. Kreuz heißt dann: Wir schauen hin, wo unser Verhalten andere verletzt und wir entscheiden neu, wie wir leben wollen. Erlösung wäre dann nicht Flucht aus dieser Welt, sondern der Mut, sie anders zu gestalten.
So kann auch der Bogen zur Weihnachtsgeschichte und dem Krippenspiel geschlagen werden: Jesus als Hoffnung auf eine bessere Welt wird geboren und die Engel verkünden das nicht etwa den Weisen aus dem Morgenland, sondern den armen Hirten auf den Feldern. Dass man sich dann zusammen an der Krippe trifft – nun, das liegt wiederum an den unterschiedlichen Bibelstellen bei Matthäus und Johannes. Aber ist es nicht genau dieses altvertraute Bild, dass uns sentimental werden lässt? Eine Frau, ein Mann, ein Kind, im warmen Stall, mit Ochs und Esel, den armen Hirten und den reichen Königen, die sich gemeinsam darüber im Klaren sind, dass hier ein Wunder geschehen ist? Und kann man das nicht auf jede Geburt übertragen? Jeder Mensch macht einen Unterschied. Und egal, ob nun gläubig oder Atheist, vielleicht ist das ja die universelle Pointe der Geschichte? Wirkliche Rettung beginnt da, wo einer nicht mehr wegschaut vor dem Leid des anderen und sich auf seine Kosten an die Seite der Schwächeren stellt – im Kleinen wie im Großen.
Über die Autorin: Während ihres Studiums der Theaterwissenschaft und Alten Geschichte in Leipzig arbeitete Henriette Lippold bis zu ihrem Magister-Abschluss u. a. als Regieassistentin am Schauspiel Leipzig, als Sprecherin und als Merchandiserin für DIE PRINZEN.
Durch ein Praktikum 2004 kam sie zur UFA Fernsehproduktion und wurde 2018 schließlich Produzentin bei der UFA FICTION. Sie betreute neben der ARD Eventminiserie CHARITE, die ZDF-Hauptabendserie SOKO LEIPZIG, die RTL-Eventminiserie DEUTSCHLAND 83 oder auch die Mediathekenserie MARZAHN MON AMOUR sowie weitere Einzelstücke.
Seit 2024 konzentriert sie sich als Produzentin gemeinsam mit Geschäftsführerin Katharina Rietz um den strategischen Ausbau der UFA MITTE GmbH.
Henriette Lippold ist außerdem als Dozentin (u. a. Filmakademie Ludwigsburg, Filmuniversität Babelsberg, Hochschule Mittweida etc.) und als Theaterautorin tätig.
Foto: Hagen Wolf
