TAGEBUCH von Steven Grahl

Tag 0 – Der Vertrieb endet ungeplant

„Wenn ich diesen Schritt gehe, dann geht das nur mit vollem Herzblut.“

Normalerweise erlebt man im Job irgendwann eine Art Krise. Man wird unzufrieden, schaut sich um, sucht nach etwas Neuem. Bei mir war das nicht so.
Ich war im Vertrieb. Genauer gesagt Digital Sales für Storage bei einem der größten IT-Hersteller weltweit. Und ich war gut in dem, was ich tat. Im selben Jahr erhielt ich noch eine Auszeichnung für meine Arbeit. Man könnte sagen: Vertrieb war das, was ich lebte.

Meine ersten Tage im Krematorium begannen im Mai 2025. Zunächst als Nebenjob.

Ich hatte ein Haus gekauft und stand kurz vor der Renovierung, mit dem Ziel, zum Jahresende einzuziehen. Um zeitliche Lücken sinnvoll zu nutzen und der Renovierungskasse etwas mehr Puffer zu geben, entschied ich mich für einen Nebenjob.

Michael Kriebel kannte ich aus unserem gemeinsamen Ehrenamt, der Seelsorge. Eher beiläufig fragte ich ihn nach einer Möglichkeit zu arbeiten. Es fühlte sich ein wenig an wie früher, zu Schulzeiten, bei Ferienjobs.

Am ersten Tag gab es eine kurze Führung. Dann Handschuhe. Und dann ging es los.

Berührungsängste hatte ich keine. Für mich war es von Anfang an ein normaler Job. Einer, der ordentlich, sauber und würdevoll erledigt werden muss.

Frühstück und Mittagessen fanden in Anwesenheit von Urnen statt. Zugegeben, das war neu für mich.
Aber ich hatte Spaß. Es war anders. Keine Teams-Meetings, kein Klingeln, keine Forecasts.

Ich war einfach Steven. Der Särge annahm und in die Kühlung brachte. Später durfte ich auch die Einfahrt übernehmen.

Die Aufgaben waren zunächst einfach gehalten. Das Komplexe, vor allem die technische Betreuung der Anlage, lag bei den Kollegen mit jahrelanger Erfahrung.
Ich tat das, was ich gut konnte. Reden. Scherzen. Mit den Bestattern kurz plaudern, anpacken und weitermachen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Partnerin. Sie fragte mich, wie ich die Arbeit finde.

Ich sagte: „Es ist anders, als ich es gewohnt bin. Körperlicher. Aber ich fühle mich gerade sehr gut dabei.“

Eigentlich war alles geplant. Bei meinem damaligen Arbeitgeber stand zum Jahresende der Wechsel in den Außendienst an. Also genoss ich den Sommer. Zwischen ausgeglichenem Särgetransport im Krematorium, Bauschutt auf der Baustelle und den Abenden mit meiner kleinen Familie zu Hause.

An einem Tag war ich gerade dabei, mit Hochdruck die Einfahrt im Krematorium zu reinigen. Da klingelte das Telefon. Die Geschäftsführung bat mich zum Gespräch.

Vor mir saßen Michael, ein bekanntes Gesicht, und Frank Pasic. Den Namen kannte ich, ein Gesicht hatte ich bis dahin noch nicht dazu.

Sie sagten mir, dass ich gutes Feedback bekomme. Dass sich die Kollegen freuen, wenn ich da bin. Und sie boten mir eine Position an.
Eine Rolle, die es so bislang nicht gab. Bewusst nicht festgeschrieben. Klar war: Es sollte eine Führungsrolle werden und ich „soll tiefer in die Prozesse einsteigen und selber, nach gegebener Zeit, gestalten“.

Was beide bis jetzt nicht wussten:
Noch beim Verlassen des Gesprächs war die Entscheidung in meinem Kopf gefallen.

Die letzten Wochen hatten etwas in mir ausgelöst. Ein Gefühl von Angekommen-sein.

Viele Menschen suchen in ihrem Beruf eine Bestimmung, hier hatte ich das Gefühl, das ist, was ich sein kann.

Zu Hause war man offen für die Idee. Es war kein klassisches Angebot. Es war eine Chance. Und ich wollte sie ergreifen. Unter einer Bedingung:

„Wenn ich diesen Schritt gehe, dann geht das nur mit vollem Herzblut.“

Alles war neu. Die Branche. Die Aufgaben. Die Verantwortung.
Aber ich nahm, was sich mir bot, und stieg ein.
In einen neuen Zug. Mit einer anderen Fahrtrichtung.

Portraitfoto Steven Grahl, aufgenommen im Außenbereich des Flamariums

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.

Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)