TAGEBUCH von Steven Grahl: Die ersten Tage

„Wie kleine Veränderungen im Leben den Blick ändern“
Ein taggenaues Tagebuch zu führen, ist gar nicht so einfach. Die Tage vergehen schnell und vieles wird zur Routine.
Natürlich hat es etwas Besonderes, hier zu arbeiten. Es ist eine Branche mit Seltenheitswert. Für viele auch etwas Geheimnisvolles.
Trotzdem gab es einen Moment, der mich innehalten ließ. Einer, der mich bis heute immer wieder kurz still werden lässt.
Grundsätzlich hatte ich nie Berührungsängste bei Särgen oder beim Transport. In meinem Kopf war immer der Gedanke: Jeder dieser Menschen hatte ein Leben hinter sich. Mein Wunsch war, dass es ein erfülltes gewesen ist.
Das gab mir eine gewisse Ruhe bei der Arbeit.
Als ich im Mai 2025 meine ersten Schritte im Krematorium machte, war ich frischer Vater eines kleinen Jungen.
Auch zuvor, selbst in der Seelsorge, hatten Einsätze mit Kindern wenig Spuren in mir hinterlassen. Ich hatte meinen Weg, damit umzugehen. Abstand halten, den Moment begleiten und danach weitergehen.
Doch mit der Geburt meines Sohnes veränderte sich etwas.
Gedanken kamen dazu, die vorher keinen Platz hatten. Sorgen über Dinge, die früher weit weg waren. Eine andere Aufmerksamkeit. Man schaut anders hin, auch auf kleine Dinge. Und manchmal denkt man weiter, als man es früher getan hätte.
Mit diesen neuen Gedanken im Kopf stand ich an der Annahme, als ein Bestatter eine kleine Schachtel hervorhob.
Ein kleiner Sarg. Darin Zwillinge. Eine Fehlgeburt. Zwei kleine Sterne.
Ich wusste, dass so etwas früher oder später durch meine Hände gehen würde. Trotzdem war es in diesem Moment anders.
Ich dachte weniger an den Ablauf und mehr an die Eltern. Daran, wie es ihnen wohl gehen muss. An den Weg hierher. An die Stille danach.
Ich wollte, dass es ihnen hier zumindest gut geht.
Also wickelte ich den kleinen Sarg in die beigelegte Decke ein.
Es war kein Auftrag.
Es war mein Ritual. Weil es sich richtig anfühlte.
Seitdem mache ich meine Arbeit nicht anders, aber bewusster.
Jeder Handgriff bleibt derselbe. Nur der Gedanke dahinter hat mehr Gewicht bekommen.
Warum es lange und kurze Leben gibt, steht hier nicht zur Debatte.
In diesem Raum liegen Geschichten. Manche lang, manche sehr kurz.
Und selbst wenn ein Kind keine eigene Geschichte schreiben konnte, tragen sie die Familien weiter. Eltern, Großeltern, Angehörige. Die sich gemeinsam gefreut haben und nun gemeinsam tragen.
Man gewöhnt sich an Abläufe.
An das Gefühl dahinter nicht.

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.
Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)
