„IMMER WIEDER TAUCHTE DIESES WORT AUF: FEMIZID.“
Interview mit Julia Cruschwitz
von Sandra Strauß und Schwarwel

Sandra: Wir möchten dir und Carolin Haentjes für euer Buch „Femizide: Frauenmorde in Deutschland” danken und dass ihr euch dem Thema angenommen habt. Ich bin ehrlich: Mich interessiert das Thema auch sehr, aber emotional hätte ich es nicht geschafft, mich ein oder zwei Jahre so intensiv damit zu beschäftigen.
Julia: Ich danke dir und verstehe das total gut. Es ist ein schweres Thema. Wir sind es tatsächlich von Anfang an sehr professionell angegangen und haben einen journalistischen Blick entwickelt: Was ist wichtig? Was müssen wir erzählen? Und vor allem: Wie erzählen wir es?
Sandra: Das merkt man eurem Buch an. Es liest sich trotz der Schwere sehr gut. Ich hatte anfangs fast Hemmungen, es aufzuschlagen – man ist ja nicht immer „in der Stimmung” für ein derartiges Thema. Doch dann wollte ich weiterlesen und habe weitergelesen.
Julia: Genau das war unser Ziel. Carolin und ich wollten kein Buch schreiben, das nur schockiert oder lähmt. Uns war wichtig, konstruktiv zu bleiben.
Die Taten selbst sind kaum auszuhalten – vor allem die Details aus den Gerichtsprozessen. Wenn Rechtsmediziner sprechen, ist das wirklich nur etwas für Menschen mit sehr starken Nerven.
Unser Fokus lag auf der Aufklärung: Was steckt dahinter? Warum passiert das? Und was kann man dagegen tun? Unser Buch sollte für alle verständlich sein – nicht nur für Fachleute. Wir wollten klar machen: Das ist kein Randthema, kein Spezialproblem, sondern es ist ein gesellschaftliches Problem. Und es passiert ständig. Man hat fast jeden Tag eine neue Meldung und das ist, ehrlich gesagt, erschreckend.
Schwarwel: Was war für dich persönlich der Auslöser, dich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen?
Julia: Ein Mord direkt bei mir um die Ecke. Er passierte im April 2020, mitten im ersten Lockdown, im Leipziger Auwald – einem Ort, den wirklich alle kennen. Es war ein außergewöhnlich schöner Tag, über 25 Grad und der Auwald war voller Menschen. Spielplätze, Cafés, alles war geschlossen, also waren dort viele unterwegs. Und mitten in diesem Trubel wurde eine Frau am helllichten Tag ermordet – auf offener Straße. Sie hatte ihr Baby noch am Körper und wurde hinterrücks erschlagen. Diese fürchterliche Brutalität, mitten in der Öffentlichkeit, bei mir um die Ecke, hat mich nicht mehr losgelassen.
Eine Nachbarin von mir war zur selben Zeit dort unterwegs, auch mit Baby. Sie hatte einen Mann gesehen und ist später auch zur Polizei gegangen. Dort hieß es schon relativ früh, dass man den Exfreund suche. Er wurde am nächsten Tag festgenommen und später zu lebenslanger Haft verurteilt.
Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich arbeite als freie Journalistin beim MDR und da hauptsächlich für politische Magazine. Ich habe das Thema meiner Redaktion vorgestellt und daraufhin hieß es, dass sie ja keine klassische Crime-Berichterstattung machen, aber wenn etwas Strukturelles dahintersteht, dann ist es relevant. Und genau das wurde mir in dieser Zeit immer klarer – auch durch die feministische Bewegung im Stadtviertel, die mobil gemacht hat. Überall hingen Plakate, es gab Graffiti, laminierte Zettel. Immer wieder tauchte dieses Wort auf: Femizid.
Ich kannte den Begriff aus Mexiko, aus Argentinien, von den dortigen großen Demonstrationen. Ich dachte lange: Das ist da ein Problem und nicht bei uns. Und dann sah ich diese Zahl: rund 135 getötete Frauen pro Jahr in Deutschland. Da wurde ich hellhörig, habe angefangen zu recherchieren und herausgefunden, dass es ein strukturelles Problem ist. Es gibt Forschung dazu, es gibt Lösungsansätze. Also habe ich das der Redaktionen vorgeschlagen und sie haben zugesagt. Es entstand ein zehnminütiger Beitrag.
Für Carolin und mich war das Thema damit noch nicht erledigt, wir wollten es weiter verfolgen. Und dann kam der S. Hirzel Verlag auf mich zu, weil sie den Beitrag gesehen hatten, und fragte, ob ich mir ein Buch vorstellen könne. Mein erster Gedanke war: „Auf keinen Fall, das schaffe ich nicht.“ Aber Carolin und ich haben es dann gemeinsam gemacht. 2021 ist unser Buch erschienen – immer noch mitten im Lockdown. Und seitdem sind wir viel unterwegs. Wir fahren auf Lesungen, halten Vorträge, geben Interviews, um über das Thema aufzuklären und in die Öffentlichkeit zu bringen, dass es ein strukturelles Problem ist.
Schwarwel: Wer lädt euch ein?
Julia: Das ist ganz unterschiedlich. Häufig Frauenhäuser, in Zusammenarbeit mit Gleichstellungsbeauftragten, Stadtbibliotheken, Stadtverwaltungen, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, Unis …
Sandra: Gleich zu Beginn eures Buches sprecht ihr ganz konkret von Femizid. In den Medien ist häufig von „Familiendrama“, „Eifersuchtstat“ oder auch „Ehrenmord“ die Rede. Ihr verwendet bewusst den Begriff Femizid. Warum ist euch diese klare Benennung so wichtig? Und magst du bitte auch den Begriff erläutern.
Julia: Femizid ist ein Begriff aus der Frauenrechtsbewegung, es ist ein feministischer Begriff. Er wurde Mitte der 1970er-Jahre das erste Mal von der Soziologin Diana Russell gebraucht, um den Unterschied zu verdeutlichen: Im Gegensatz zum Begriff Mord bezeichnet Femizid einen Mord aus geschlechtsspezifischen Gründen, einen Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist.
Die UN-Definition macht das sehr deutlich. Da fallen darunter: systematische Vergewaltigungen von Frauen in Kriegen, tödliche Folgen von Genitalverstümmelung, sogenannte „Hexenmorde“, die Tötung weiblicher Föten, Prostitution und Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung – also Gewaltformen, die fast ausschließlich Frauen treffen und weniger Männer. Dazu gehören ebenso die Partnerschaftstötungen, wenn ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin umbringt – meistens dann, wenn sie sich trennen. Das ist auch Ausdruck herrschaftlich-patriarchalen Denkens. Sie kommen nicht damit zurecht, dass sich die Frauen trennen und stehen es ihnen nicht zu. Und die Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Fußballtrainer, Handwerker, Feuerwehrleute, Polizisten, Bundeswehrsoldaten …
In der Presse ist dann oft die Rede von „Verzweiflungstat“ oder „Eifersuchtsdrama“. Das ist insofern problematisch, weil es immer Verständnis für den Täter erweckt: „Er konnte ja nicht anders”, „Die Frau hat ihn so gereizt”, „Er fühlte sich dessen beraubt, was ihm vermeintlich gehört”, also dass die Frau ihm gehöre. Leider zieht sich dieses patriarchale Besitzdenken auch durch die Strafverfolgung, Rechtsprechung und Umgangsrechtsdebatten.
Wenn man es als Femizid benennt, dann stellt man das alles in Frage und hinterfragt den gesellschaftlichen Zusammenhang.
Auf dem Papier sind Frauen in Deutschland gleichberechtigt. Sie können sich scheiden lassen, ihr eigenes Geld verdienen, für politische Ämter kandidieren, theoretisch CEO von irgendetwas werden … Aber die Realität – vor allem im Privaten – sieht oft anders aus. Dort wirken patriarchale Strukturen und Besitzdenken weiter.
Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren etwas bewegt. Seit Erscheinen unseres Buches hat sich die Berichterstattung verbessert. Ich habe kürzlich eine Schlagzeile gesehen: „Femizid in Dresden“. Das wäre vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Aber es reicht noch nicht. Die feministische Bewegung ist im historischen Vergleich jung. Vieles ist besser geworden, aber wir müssen dranbleiben: Aufklärung, Bildung, frühes Ansetzen – vor allem bei der Kindererziehung. Und wir müssen den Fokus stärker auf die Täter richten. Wir sprechen sehr viel darüber, was Opfer tun sollen. Aber zu wenig darüber, wie Männlichkeit konstruiert wird. Welche Bilder von Männlichkeit lernen Jungen? Wie wird mit Macht, Kontrolle, Emotionen umgegangen, mit sexistischen Witzen, sexistischen Liedtexten, abwertenden Kommentaren über Partnerinnen usw. Wir müssen den Hass gegenüber Frauen, der dahinter steckt, thematisieren. Es ist wie beim Rassismus. Es ist ein weites Feld und man muss immer wieder daran arbeiten, damit es nicht gesellschaftsfähig bleibt.
Sandra: Ihr schreibt in eurem Buch: „Männer erheben Anspruch auf das Leben und den Körper von Frauen.” Dieser Satz bringt es auf den Punkt. Über Jahrhunderte war es „normal”, dass Männer über Frauen herrschten.
Julia: Wir müssen uns vor Augen führen, dass die gesellschaftliche Ächtung innerfamiliärer Gewalt noch relativ jung ist. Also das Verbot, seine Kinder zu schlagen, ist in Deutschland noch nicht mal 30 Jahre alt. Meine Mutter wurde in der Schule noch geschlagen. In der Rechtsgeschichte sprach man lange von „väterlicher Gewalt“ – ein legitimes Mittel, um Frauen und Kinder zu züchtigen, damit sie gehorchen. Das ist gerade einmal zwei Generationen her. Und das spielt hier ganz massiv mit hinein. Über Jahrhunderte galt das als Recht des Mannes: Gewalt auszuüben gegenüber seiner Frau, aber auch gegenüber den Kindern.
Das betrifft nicht nur Männer. Mir ist hier wichtig zu betonen, dass auch Frauen häusliche Gewalt ausüben. Auch Frauen schlagen Kinder. Das darf man nicht unter den Tisch kehren. Aber entscheidend ist: Gewalt war lange ein akzeptiertes Mittel der Erziehung und der Machtausübung – unabhängig vom Geschlecht.
Dass wir heute sagen: Konflikte müssen anders gelöst werden, durch Kommunikation, durch Aushandlung, durch gegenseitigen Respekt – das ist gesellschaftlich betrachtet noch eine sehr junge Entwicklung.
Sandra: Ihr habt in eurem Buch explizit herausgearbeitet, dass Vergewaltigung, Gewalt, Femizide in den eigenen vier Wänden stattfinden.
Julia: Rein statistisch gesehen, ist der gefährlichste Ort für Frauen ihr eigenes Zuhause. Gewalt gegen Frauen passiert überwiegend in den eigenen vier Wänden – und sie wird meist von Menschen verübt, die den Frauen nahestehen: Partner, Ex-Partner, Familienangehörige.
Im Vergleich dazu: Männer werden häufiger im öffentlichen Raum und von Fremden getötet.
Sandra: Warum bleiben viele Frauen bei gewalttätigen Partnern? Was sind die Gründe?
Julia: Das ist eine der häufigsten Fragen – und gleichzeitig eine der problematischsten. Gewalt in Partnerschaften ist fast immer mit systematischer Isolation verbunden. Das beginnt ganz subtil: „Deine Freundin mag ich nicht“, „Warum telefonierst du so oft mit deiner Mutter?“, „Ich möchte auch mal, dass du am Wochenende zuhause bleibst.” Es fängt ganz langsam an und kann bis zu einer kompletten Isolation führen – bis am Ende keine Freundschaften und keine Menschen mehr da sind, denen sich die Frauen anvertrauen können.
Dazu kommt die finanzielle Abhängigkeit, besonders wenn Kinder da sind. Viele Frauen arbeiten weniger oder schlechter bezahlt. Sie wären also gar nicht in der Lage, die Kinder zu ernähren. Es ist ebenso viel schwieriger geworden, eine eigene Wohnung zu finden. Dann kommt die ganze Umgangsrechtproblematik hinzu.
Auch wurde über viele Jahre eine emotionale und psychische Abhängigkeit seitens der Täter aufgebaut: „Du kannst das nicht ohne mich”, „Alleine bekommst du eh nichts auf die Reihe”, „Du schaffst das nicht“. Das passiert alles so subtil, dass das Selbstbewusstsein der Frauen wirklich am Boden ist. Ich habe mit Frauen gesprochen, die hochqualifiziert waren – Professorinnen, Polizistinnen …, die durch diesen Mechanismus so klein gehalten wurden, dass sie sich selbst nichts mehr zugetraut haben.
Ein weiterer Punkt ist die Scham. Gerade bei gut ausgebildeten Frauen ist die Scham enorm: „Ich habe mich jahrelang schlagen lassen – was denken die Leute?“
Und dann diese permanente Manipulation der Täter: „So schlimm war es doch gar nicht. Das hast du dir nur eingebildet.“ Das erzählen sie so oft, dass die Frauen das schließlich selbst ein stückweit glauben.
Dann ist da diese Hoffnung: Er wird sich ändern, weil er sich bspw. in anderen Situationen anders verhält. Und sie haben sich ja irgendwann auch mal in diesen Menschen verliebt. Es existiert eine Bindung.
Frauen wissen auch, dass der gefährlichste Schritt der der Trennung ist. Betroffene haben mir oft gesagt: „Wenn ich gehe, wenn ich mich scheiden lasse, dann bringt er mich um.” Das ist auch ein Grund, warum Frauen bleiben: weil sie keine andere Möglichkeit sehen. Sie fühlen sich alle sehr allein. Eine Trennung aus einer gewalttätigen Beziehung ist wirklich richtig schwer und hammerhart.
Ich bekomme die Frage, warum sich Frauen nicht trennen, sehr oft gestellt. Warum fragt man nicht: „Warum hört der Mann nicht auf zu schlagen? Was kann man tun, damit der Mann aufhört zu schlagen?“ Das ist doch der Punkt.
Es ist natürlich richtig und gut, dass Frauen in Sicherheit gebracht werden. Doch eigentlich müsste man die Männer in ein „Täterhaus” schicken und sie müssten sich um ihre Pobleme und ihr Verhalten kümmern. Sie müssen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen. Das wäre der richtige Ansatz.
Ende der 1990er Jahre gab es den Paradigmenwechsel, auch bei der Polizei: „Wer schlägt, der geht.” Der Mann muss gehen. Doch wohin geht er? Zu seinem Kumpel, betrinkt sich und steht zwei Wochen später wieder vor der Tür?
In Österreich bspw. ist es verpflichtend, dass Männer nach häuslicher Gewalt in eine verpflichtende Täterarbeit gehen müssen.
Sandra: Wir sprechen bei all dem auch von psychischer Gewalt, richtig? Auch wenn sich diese schwerer greifen lässt und weniger sichtbar ist.
Julia: Ich würde sagen, dass psychische Gewalt immer mit im Spiel ist: Ich übernehme die Kontrolle über das Leben der Frau. Ich manipuliere sie, ich kontrolliere sie, ich dominiere sie. Das ist alles psychische Gewalt.
Das Problem ist, dass diese oft nicht strafbar ist, und selbst wenn doch, dann ist sie sehr, sehr schwer nachweisbar. Schon bei physischer Gewalt gibt es wenige Verurteilungen. Da möchte ich gar nicht wissen, wie es bei psychischer Gewalt ist.
Strafen helfen auch wenig, wenn die Ursache – die Haltung des Täters – nicht bearbeitet wird, wenn es seinerseits kein Einsehen gibt, dass es schlecht ist, was er getan hat, dass es schädlich für die Frau ist. Das Kernproblem ist das Denken vieler Täter: Sie sehen die Frau als Ursache des Problems. Wenn die Frau geht oder sich widersetzt, reagieren sie mit Gewalt – weil sie nicht gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen. Hier muss Präventionsarbeit ansetzen: Männer müssen verstehen, dass sie selbst ihr Verhalten ändern müssen, nicht die Frau.
Schwarwel: Wann sollte man mit der Prävention ansetzen? Im Kindergarten, in der Schule? Wo kann man das vermitteln? Vermitteln, wie man sich gegenüber anderen Menschen zu verhalten hat.
Julia: Pädagogische Fachkräfte müssen bspw. geschlechtersensibel arbeiten. Mädchen werden immer sehr gelobt, wenn sie schöne Klamotten anhaben und sich um andere kümmern. Jungs sind immer lauter und raufboldiger. Das muss man aufbrechen. Und da gibt es auch im Kindergarten schon viele Projekte, bspw.: Ich darf Gefühle zeigen. Was ist Wut? Was ist Trauer? Wenn jemand aggressiv wird, dann sollte man nicht mit Strafen reagieren, sondern nach dem Problem suchen. Man sollte Kinder untereinander viel mehr ermutigen, in gegenseitigen Austausch zu gehen, gemeinsam etwas bauen, gemeinsam Theater spielen …
Wenn ein Kind auf die Welt kommt bzw. schon sehr weit davor, wenn es noch im Mutterleib ist, wird als Erstes gefragt, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Und dann wird alles entsprechend dem Geschlecht ausgerichtet. Ab dem allerersten Moment des Seins ist die Geschlechterfrage schon da.
Ich habe auch nicht DIE Lösung, weil es ein hochkomplexes und tief in uns verwurzetes Thema ist. Wir müssen uns mit all dem mehr auseinandersetzen und unsere Sprache sowie unseren Umgang sensibler gestalten.
Schwarwel: Was habt ihr aus eurem Buch gelernt?
Julia: Es gibt Modelle, um Hochrisikofälle zu erkennen, wie Behörden besser zusammenarbeiten, Täterarbeit, es gibt die Istanbul-Konvention, es gibt auch ganz viel Forschung dazu, wie Femizide ablaufen … und es passiert trotzdem. Oder ich lese, dass die Kinder beim Vater waren. Immer wieder das gleiche Problem. Wir wissen, dass es Möglichkeiten gibt, doch diese werden dann nicht genutzt. Das ist für mich das Schockierende. Natürlich kann man nicht jeden Femizid verhindern, aber wenn Behörden besser zusammenarbeiten und die Anzeichen ernster nehmen würden, könnte sich etwas ändern. Mir ist bis heute nicht klar, warum man die Kinder zum Vater gibt, wenn es um häusliche Gewalt geht, weil er per Gesetz ein Recht auf Umgang hat. Ich verstehe nicht, wie ein Gericht davon ausgehen kann, dass er ein guter Vater ist, wenn er die Mutter schlägt. Doch es wird so gesehen: Er hat ja nur die Mutter geschlagen. Das macht mich sehr wütend. Da muss man Gesetze ändern und es existieren dafür auch Gesetzesentwürfe. Es gibt Dinge, die man tun und verändern kann, doch sie werden nicht wahrgenommen. Ich verstehe nicht, warum das in der Politik und Gesellschaft nicht ankommt – trotz dass viele Aktivist:innen ständig darauf hinweisen und ständig vorsprechen. Und je konservativer und rechter Regierungen sind bzw. werden, umso schlechter steht es auch um die Frauenrechte. Betroffene häuslicher Gewalt werden auch oft nicht gehört.
Wenn mehr Frauen in Parlamenten und Führungsebenen wären sowie mitentscheiden könnten, würden Themen wie Gewaltschutz und Gleichberechtigung stärker diskutiert und umgesetzt werden. Dann würde sich etwas ändern.
Schwarwel: Warum gibt es so wenige Frauen in Entscheidungs- und Führungspositionen?
Julia: Erlaubt ist es, juristisch sind Frauen gleichberechtigt. Das ist immer das Argument, das dann kommt. Aber es herrschen patriarchale Strukturen vor. Thema Care-Arbeit. Frauen werden auch weniger gefördert, sie werden angefeindet … und diese dicke Haut muss man erstmal haben. Es herrscht ein sehr rauer Ton. Doch wenn der Frauenanteil steigt, wird auch der Ton umgänglicher. Dann kommen auch wieder mehr Frauen dazu. Das hat man bei den Parteien mit Quote deutlich gesehen. Und wenn Frauen in höheren und hohen Positionen sind, unterstützen sie wiederum Frauen. Das ist erwiesen.

Über die Interviewpartnerin: Julia Cruschwitz studierte Kommunikationswissenschaften, Hispanistik und Literaturwissenschaften und ist seit 2003 als freie Autorin fürs Fernsehen tätig. Für ihre Beiträge wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Autorinnenfoto: Ildiko Sebestyen

Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes
„Femizide – Frauenmorde in Deutschland“
S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2021
ISBN 9783777630298
