NACHRUF: OZZY – Für immer der Größte

Illustration: Schwarwel

von Thore Vollert

Anmerkung der Redaktion: Vor einem Jahr – am 22. Juli 2025 – starb mit Ozzy Osbourne einer der generationsübergreifend bekanntesten und prägendsten Rockmusiker unserer Zeit.
Zwar wussten wir noch nicht genau wofür(, denn unsere drunter+drüber-online war noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase und das nächste d+d-Printmagazin schien zu weit weg, um aktuell genug sein zu können), dennoch baten wir ein paar Wochen später den Autoren und Produzenten Thore Vollert – uns bekannt durch seine mitproduzierte 2017er Doku „Cum On Feel The Noize – Die Geschichte der Rockmusik“ – darum, einen Nachruf auf den „Prinz der Finsternis“ zu verfassen, da Ozzy uns als Heavy-Metal-Mitbegründer und mit „The Osbournes“ als ein echter Sitcom-Celebrity für die Popkultur wichtig genug erschien, um ihn und sein Wirken irgendwo und irgendwann einmal gebührend würdigen und seiner gedenken zu können.
Dieser heutige Jahrestag seines Todes ist ein guter Anlass.

Man sagt, jede Generation habe ihre Helden. Das gilt für den Film und die Popkultur, für Fernsehen und Literatur, in selteneren Fällen gar für die Politik. In erhöhtem Maße aber gilt es für die Musik, die uns alle so tief in unseren Herzen bewegt. Die Musik, die Emotion, Identität und auch Zusammenhalt stiften kann. In der Musik, da erheben sich manche Helden zu fast ikonischer Größe und überspannen und überstrahlen so die Dekaden ihres Wirkens.

Insbesondere der Rock’n’Roll funktioniert schon immer auch über seine „larger-than-life“-Charaktere. Abziehbilder von Rebellion und Stärke, überlebensgroße Cartoon-Figuren von Subkultur und Insubordination. Die mächtigsten von ihnen erkennt man schon als Scherenschnitt, an der bloße Silhouette ihres Schattens: Elvis mit seinem Hüftschwung, Tina Turner in Fransenrock und mit wilder Mähne, Slash mit Zylinder, Sonnenbrille und Fluppe im Mundwinkel, Aerosmiths Steven Tyler, lasziv an seinem mit Seidenschals behangenen Mikroständer lauernd … und eben Ozzy Osbourne. Ozzy – der Großmeister des personifizierten Bühnenirrsinns, mit weit aufgerissenen Augen und ausgebreiteten Armen wie Jesus am Kreuz das Publikum einladend. Ozzy, mit einem Wassereimer bewaffnet, um die Front Row abzukühlen, nur um sich im Anschluss wie ein kleines Kind auf und ab hüpfend daran zu erfreuen, sich selbst und seinem Publikum Applaus stiftend. Von ihm erzählt man sich Grusel-Geschichten über enthauptete Tauben und zerkaute Fledermäuse, Satansanbetung und über selbst für die wildern 60er, 70er, 80er Jahre ausufernden Drogenkonsum abseits jedweder Messgrößen. 

Nun ist Ozzy von uns gegangen. Er ist buchstäblich Geschichte, und verstand es wie kein zweiter, seiner eigenen Story mit dem sensationellen Mini-Festival „Back To The Beginning“ ein letztes, eindrucksvolles Kapitel hinzuzufügen. Keine zwei Wochen nach dieser krankheitsbedingt bereits im Sitzen vorgetragenen Abschlussvorstellung, noch ein letztes Mal an der Seite seiner langjährigsten Wegbegleiter, ist Ozzy, der Iron Man, also wirklich nach Hause gegangen.

Um Osbournes musikalisch-popkulturelles Erbe in seinem ganzen Ausmaß überhaupt verstehen und würdigen zu können, lohnt es sich, ihn als konsequent gelebte Anti-These zu verstehen. Er stand schon immer für die dunkle Seite des E-Gitarren-Kosmos.

Als John Michael Osbourne im Jahre 1948 in der Industriestadt Birmingham geboren gründete er 1968 zusammen mit Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward die Band Black Sabbath – ein Urknall inmitten geselliger Hippie-Hymnen und Kumbayas, der tiefergestimmt und voller Schwarzmagie- und grenz-satanischer Horror-Ästhetik Heavy Metal als Genre praktisch definierte. Ozzy selbst war eher naiv zu dieser Band gekommen: „Ozzy Zig needs a Gig“, so der lakonische Hilferuf aus der Ausweglosigkeit des Alltags, als Annonce in der örtlichen Zeitung, auf welchen die Bandgründung mit Osbourne am Gesang schließlich folgte. Zuvor hatte der schulisch nicht sonderlich motivierte Außenseiter immer mal wieder Ärger mit dem Gesetz gehabt, wurde von Mitschülern verprügelt (so auch von seinem späteren Band-Kollegen Iommi) und verdingte sich in Mini-Jobs wie dem Zerkleinern von Tierteilen im örtlichen Schlachthof. In seiner Autobiografie gibt er an, das stundenlange Stehen in knöcheltiefem Rinderblut und der monotone Sound des Bolzenschussgeräts sei zumindest für seine spätere Profession als Metal-Frontmann inspirierend gewesen. 

Bei allem gut begründeten Abgekulte der Person Ozzys darf der Einfluss weiterer Musiker im selben Kosmos natürlich nicht unerwähnt bleiben: Gemeinsam mit Bands wie Deep Purple und Led Zeppelin begründeten Black Sabbath in Großbritannien den Heavy Metal, als sie mit Alben wie Paranoid (1970) und Master of Reality (1971) Musikgeschichte schrieben. Osbourne wurde zur Ikone einer neuen, düsteren Rock-Ära, seine Eskapaden aber führten schließlich zum Rausschmiss aus der Band im Jahre Band 1979. Die Tochter des damaligen Sabbath-Managers Don Arden, Sharon, suchte den gebrochenen Süchtigen in seinem Hotelzimmer auf, verliebte sich in ihn – und baute ihn kurzerhand zu einem Solo-Künstler auf, dessen Erfolg den seiner Ex-Band noch in satanischen Schatten stellen sollte. Mit Sharon an seiner Seite und den nahenden 80ern der MTV-Ära vor der Brust wurde die Welt vom Blizzard of Ozz (1980) erfasst, dessen Hits wie „Crazy Train“ und „Mr. Crowley“ heute zu Standards auf jedem Metal-Festival gehören. 

In den 2000ern wurde Ozzy gemeinsam mit Sharon und den gemeinsamen Kindern mit der Reality-TV-Show The Osbournes auch wieder einer jüngeren, breiteren Popkultur bekannt und fand als selbstironisches, alterndes Drogenwrack weltweit neue Fans. Das etwa zeitgleich von den Osbournes organisierte Ozzfest-Festival bot in den 00er Jahren einer neuen Generation von Metal-Härte eine große Bühne und trug so maßgeblich zum Durchbruch von Bands wie Korn, Disturbed, Marilyn Manson und Slipknot bei. 

Trotz, nein wegen seiner Skandale, Drogenexzesse und gesundheitlichen Rückschläge blieb Ozzy stets ein Symbol für Rebellion und Überlebenswillen im Rockgeschäft. Ozzy schien den Verlust seines engen Freundes und kongenialen Lead-Gitarristen Randy Rhoads, der mit nur 25 Jahren bei einem tragischen Unfall auf Tour umkam, nie ganz verwinden zu können und flüchtete sich fortan wieder in seine gelernten Mechanismen Rausch und Sucht. Im Gegensatz zu dem seit seinem Tribute-Auftritt bei „Back To The Beginning“ als potenzieller Nachfolger Ozzys für eine neue Generation gehypten Künstler Yungblud erschöpfte sich Osbournes Dunkelheit innerer Dämonen so nicht in der Verwendung von Kajal und Nagellack: Drogeninduziert erschoss er mal die zwölf Katzen der Familie mit der hauseigenen Shotgun, ein anderes Mal würgte er im Alkoholrausch seine Frau Sharon beinahe zu Tode, weil „die Stimmen im Kopf das so entschieden und ihm befohlen“ hatten. 

Dass Ozzy überhaupt ein fast biblisches Alter von 76 Jahren erreichte und unmittelbar bis vor seinem Tod noch auf der Bühne performte, ist sicher gleichermaßen der Verdienst von Sharons Liebe und Unnachgiebigkeit als auch Teil seiner andauernden Legendenbildung. Denn im Gegensatz zu Yungblud hatte Ozzy Osbourne den Anstand, erst zur musikalischen Ikone aufzusteigen, bevor er sich auf MTV zum Hampelmann der Massen machte. 

Ozzy hinterließ seine langjährige Gefährtin, Ehefrau und Managerin Sharon, seine sechs erwachsenen Kinder, über ein Dutzend putzmunterer Haustiere – und generationsübergreifend Millionen trauriger Fans weltweit. Fans, die dankbar sind, ihn in seiner vollen, manchmal ikonisch wirren, immer aber überlebensgroßen und durchweg liebenswerten Art auf und auch abseits der Bühne erlebt haben zu dürfen.

Jedes Genre hat seine Über-Helden, seine Ikonen, im fast biblischen Sinne: Elvis als King of Rock’n’Roll, Madonna als Queen of Pop, James Brown als Godfather of Soul – und so wird Ozzy für uns Metalheads wohl nun auf ewig Schutzheiliger der Riffs und Teufelshörner sein und bleiben. 

Dieses freie Radikal, diese nie vorher zu sehende Extradosis Wahnsinn – sie erheben Ozzy Osbourne über seine eigene Cartoon-Figur und machen ihn samt seines für alle Zeiten unsterblichen musikalischen Vermächtnisses zum einzig wahren Prince of Darkness.
„Wine is fine, but whiskey’s quicker“ – Rest in Power, Ozzy! 

Porträtfoto Thore Vollert von LAT! Media

Über den Autor:
Thore Vollert, geboren am 01.08.1984 in Kiel, ist studierter Amerikanist und Theologe, leidenschaftlicher Medienmensch und vielseitiger, aufgeschlossener Netzwerker. Nach jahrzehntelanger Arbeit für die ARD ist Thore mittlerweile selbständig tätig als Lizenzagent, Musikjournalist und Produzent. Er verantwortet so u. a. die Entwicklung, Distribution und Vermarktung internationaler Filme und Serien. Darüber hinaus produziert und finanziert er mit seinem Team Inhalte für den Weltmarkt und betreut die Lizenzierung deutscher TV-Marken im Ausland.
Gleichsam getrieben von der Leidenschaft für Live-Musik, Fußball, Heavy Metal und die Trash-Kultur der 1970er und 1980er, steht der zweifache Familienvater niemals still auf seiner ewigen Suche nach Rock’n’Roll und Seelenfrieden.

Foto linke Seite: LAT! Media