ERINNERUNGEN AN DEN PIONEAR LEANDER „LANNI“ TOPP
Interview mit Kay Alexander Setzepfand
von Sandra Strauß

Fotos: Ray Van Zechau (l.) & Didi Ranks (r.), Design: Kay Setzepfand
Sandra: Du standest viele Jahre nicht mehr auf der Bühne. Mit dem Ende eurer Crossover-Band Think About Mutation war dieses Kapitel für dich abgeschlossen. Dann kam am 17. Juni 2025 der plötzliche Tod von Leander „Lanni“ Topp, weshalb du bei einer bewegenden Abschiedsparty für ihn am 3. Oktober 2025 in der Moritzbastei wieder auf der Bühne warst – unter anderem zusammen mit Rajko Gohlke, den man inzwischen vor allem als Bassisten von Knorkator kennt. Du hast da wieder getrommelt … und vorher sogar geprobt. Was ich dabei besonders lustig fand: Freitagabend machst du zusammen mit Rajko Musik und Montag früh trefft ihr euch am Schultor, weil ihr jeweils eure Kids zur Schule bringt. Wie geht es dir mit all dem?
Kay: Ja, das stimmt, wir treffen uns tatsächlich öfter an der Schule. Dass das Universum das so eingefädelt hat, finden wir beide total abgefahren. Früher hätte niemand gedacht, dass unsere Kinder einmal gemeinsam auf dieselbe Schule gehen würden. Das ist schon verrückt. Rajko kenne ich schließlich schon seit einer Ewigkeit. Da prallen auch gar keine Welten aufeinander. Als mein Sohn und Rajkos Tochter eingeschult wurden, war überhaupt nicht absehbar, dass ich jemals wieder Musik machen würde. Damals lebte Lanni noch und das Thema stand überhaupt nicht im Raum. Rajko und ich hatten immer Kontakt. Wir verstehen uns gut, schätzen uns gegenseitig sehr. Er hat einmal in einem Interview gesagt, ich sei für ihn der beste Schlagzeuger gewesen, mit dem er je gespielt habe. Mein innerer Kritiker reagiert dann natürlich sofort mit: „Nun mach mal halblang.“ Gleichzeitig freut mich so etwas natürlich unglaublich. Ich kann das übrigens genau so zurückgeben: bester Bassist in meinem Leben, mit dem ich zusammenarbeiten durfte. Jetzt treffen wir uns morgens manchmal beim Kinder in die Schule bringen, frühstücken danach manchmal noch zusammen – und plötzlich stehen wir nach Jahrzehnten wieder gemeinsam auf einer Bühne. Das fühlt sich überhaupt nicht widersprüchlich an. Es ist vielmehr eine andere Ebene unserer Verbindung. Irgendwie war es total überraschend – und gleichzeitig fast schon logisch.

Foto & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Ihr habt sehr lange nicht mehr zusammen gespielt.
Kay: Ja. TAM hatte sich vor über 20 Jahren aufgelöst. Unsere 3-Mann-Band D.O.D., die wir für diesen Musikabend reaktiviert haben, gab es sogar über 30 Jahre nicht mehr. Mit Rajko und Joey A. Vaising habe ich 2002/2003 das letzte Mal zusammen gespielt. Danach war Schluss. Das bedeutet, dass ich über 20 Jahre überhaupt nicht mehr Schlagzeug gespielt habe. Mit dem Ende der Band habe ich das Kapitel Musik damals wirklich abgeschlossen. Es fühlte sich an, als hätte ich es mir selbst aus dem Herzen gerissen. Donis und ich hatten damals entschieden, dass es für uns so nicht weitergeht. Danach hatte ich weder die Energie noch den Wunsch, musikalisch etwas Neues anzufangen. Mein Leben entwickelte sich in eine andere Richtung, Grafikdesign wurde zu meiner neuen Leidenschaft.
Im Nachhinein wirkt es fast so, als hätte es erst Lannis Tod gebraucht. Nach seinem Tod entstand eine WhatsApp-Gruppe mit seiner Familie. Irgendwann kam die Frage auf, was wir – neben der Beerdigung – noch machen könnten. Jemand schlug vor, Musik zu machen. Und mein Freund Mike Czekalla (ehemals Bassist bei Lannis Band Messer Banzani) sagte sinngemäß zu mir: „Dann wirst du jetzt wohl mal über deinen Schatten springen und nochmal die Drumsticks in die Hand nehmen müssen.“ In dem Moment musste ich gar nicht lange überlegen. Die eigentliche Frage war nicht, ob ich es mache, sondern wie. Schaffe ich das technisch? Schaffe ich das emotional? Da gab es auf vielen Ebenen Hürden. Aber eines war sofort klar: Wenn ich das mache, dann nur mit Joey und Rajko. Obwohl Joey und ich durchaus Konflikte hatten und manches bis heute nicht vollständig geklärt ist, wusste ich sofort: Das muss jetzt zurückstehen. Für die Musik. Für Lanni. Ich habe Rajko angerufen und gesagt, dass ich Flausen im Kopf hätte – Dinge, die wir so noch nie gemacht hatten. Rajko grinste nur und meinte: „Na dann erzähl mal von deinen Flausen.“ Ich erzählte ihm, dass ich gerne Lannis Dancehall-Riddims und -tunes mit harten Gitarren performen würde. Und er war sofort Feuer und Flamme. Dann habe ich noch Joey mit ins Boot geholt und die alte D.O.D.-3-Mann-Band von vor über 30 Jahren war wieder am Start.

Fotos: Cordula Giese, Design: Kay Setzepfand
Am 5. August saß ich dann im Proberaum nach über 20 Jahren zum ersten Mal wieder am Schlagzeug. Das Konzert war am 3. Oktober 2025. Wir hatten also gerade einmal knapp zwei Monate Zeit, alles vorzubereiten. Ich wollte unbedingt nicht einfach nur Musik spielen, sondern eine Geschichte erzählen. Deshalb entstand auch ein Video, das während unserer Live-Performance hinter uns auf einer großen Leinwand synchron zur Musik lief. Ich habe mit Zeitleisten gearbeitet, mit alten Video- & Fotoaufnahmen, ein Streichquartett des Gewandhauses eingebunden – genau die Streicher, die seinerzeit auf dem ersten von Lanni produzierten Major-Album (Tolga „Now That I Am Here“ – WEA Rec./Downbeat/Germaican Rec. – 2000) zu hören waren. Ich hatte damals mit ihm zusammen gewohnt und gearbeitet und den gesamten Entstehungsprozess miterlebt. Außerdem spielten wir ein altes D.O.D.-Stück, bei dem Lannis Gesang ursprünglich dabei war. Den Gesang haben wir technisch herausgerechnet und so gemeinsam mit ihm gespielt. Er war zwar nicht mehr da – und gleichzeitig war er auf eine ganz besondere Weise doch dabei. Ich hatte anfangs schon Sorge, wie die Menschen darauf reagieren würden, wenn da plötzlich Lannis Stimme live zu hören sein wird. Ist das vielleicht zu viel? Kann man das überhaupt machen? Aber die Reaktionen waren unglaublich. Menschen fielen mir danach um den Hals, haben geweint, sich bedankt und gesagt, wie schön sie das fanden. Heavyette (ex-TAM, jetzt Myra) kam später zu mir und sagte nur: „Das war übelst fett.“ Donis wusste, dass ich für das Video verantwortlich war, und meinte: „Das war so klug gemacht.“ Der ganze Abend war überwältigend, ein wunderschöner gemeinsamer Abschied von Lanni, seiner absolut würdig. Traurig natürlich, aber gleichzeitig wunderschön. Ich habe zu vielen Leuten gesagt: „Er ist gar nicht weg.“ Dieser Abend hat das bewiesen. Lanni war überall präsent. Er hat Menschen zusammengebracht, Musiker auf die Bühne geholt. Der ganze Abend war einfach unglaublich. Und ich merke bis heute, wie sehr mich das trägt. Vor allem aber habe ich wieder Lust bekommen, Musik zu machen. Vielleicht war das alles schon lange in mir. Aber Lanni hat etwas in Bewegung gesetzt, das endlich wieder herauskommen durfte.

Fotos & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Solch ein Abschiedsabend ist einerseits eine Würdigung und ein Gedenken. Gleichzeitig macht so etwas ja auch etwas mit einem selbst. Welche Bedeutung hatte dieser Abend für dich persönlich?
Kay: Ich merke bis heute, dass ich emotional gar nicht richtig von diesem Abend herunterkomme – und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Da ist dieser unglaubliche Mix aus Trauer, Dankbarkeit und der Freude darüber, wieder Musik zu machen. Die Leute sagen, es sei großartig gewesen. Mein innerer Perfektionist sieht natürlich immer noch alles, was nicht perfekt war. Der geht oft ziemlich hart mit mir ins Gericht. Im Zusammenhang mit meiner Depression war jedoch etwas Entscheidendes passiert: Ich konnte über lange Zeit kein Lob und keine Wertschätzung annehmen. Wenn man sich selbst ständig kleinmacht, sieht man nur noch die eigenen Fehler. Doch nach diesem Abend war da plötzlich einiges anders. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich Menschen ehrlich „Danke“ sagen – weil ich ihre Wertschätzung wirklich angenommen habe. Das Feedback war überwältigend. Und tief in mir wusste ich plötzlich: Ja, wir haben das richtig gut gemacht. Wir haben für Lanni und für all die Menschen an diesem Abend etwas gegeben, das ihm gerecht wurde. Diese zwei Monate Vorbereitung waren Hardcore. Wirklich. Ich habe nachts gearbeitet, unendlich geprobt, oft allein, um das Gefühl fürs Schlagzeug wiederzubekommen. Es war fast wie früher. Ich saß bis tief in die Nacht im Proberaum. Ich brauchte kaum Schlaf – obwohl mein Körper ihn eigentlich dringend gebraucht hätte. Ich musste aufpassen, mich dabei nicht völlig zu verausgaben. Und gleichzeitig war da eine Energie, die ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Plötzlich sprudelten die Ideen wieder. Für das Video, für die Musik. Ich war ständig mit Joey im Austausch, der Musik und Video wunderbar umgesetzt hat. Und irgendwann habe ich gemerkt: Da bist du wieder. Nicht ganz der alte Kay, aber ein wichtiger Teil von mir, den ich lange verloren verloren geglaubt hatte. Natürlich finde ich es schrecklich, dass erst ein solcher Verlust nötig war. Aber aus diesem traurigen Anlass heraus ist auch etwas unglaublich Gutes und Schönes entstanden. Ich hatte es unglaublich genossen, wieder kreativ zu sein. Wieder so sehr für etwas zu brennen. Während meiner Depression war genau das verschwunden. Und plötzlich war es wieder da.

Foto: Uwe Winkler, Design: Kay Setzepfand
Sandra: Deine Depression und dieser Abend sind eng miteinander verbunden. Magst du erzählen, was du damit meinst?
Kay: Ich hatte über mehrere Jahre hinweg verschiedene traumatische Ereignisse erlebt – mehrere kurz aufeinander folgende, teilweise heftige Todesfälle, sehr schmerzhafte Trennung. Es kam einfach zu viel zusammen. Irgendwann funktioniert das System nicht mehr. Man kompensiert vieles und sagt sich: „Reiß dich zusammen.“ Und das klappt oft erstaunlich lange. Manchmal sogar über Jahre. Aber irgendwann ist der Akku leer, sogar im Minusbereich. Und wenn man in dieser Zeit nichts hat, womit man ihn wieder auflädt – kein Selbstwertgefühl, keine Eigenliebe –, dann funktioniert irgendwann gar nichts mehr. Dann werden selbst alltägliche Dinge zur Herausforderung: Abwaschen, Zähneputzen, Einkaufen. Man sitzt nur noch zu Hause und wartet darauf, dass der Tag vorbeigeht. Das Verrückte ist: Man beobachtet sich selbst dabei und denkt: „Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“ Irgendwann musste ich mir eingestehen: Hier stimmt tatsächlich etwas nicht. Zum Glück habe ich mir Hilfe gesucht. Ich war in einer Tagesklinik, habe viele Gespräche geführt – und das hat mir sehr geholfen. Dabei habe ich auch festgestellt, wie viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen. Gefühlt hat jeder Zweite zumindest leichte depressive Phasen. Das musste ich erst einmal begreifen und akzeptieren.
Außerdem kamen alte Muster aus meiner Kindheit wieder hoch. Dinge, von denen ich geglaubt hatte, sie längst verarbeitet zu haben. Ich habe kaum noch geschlafen. Eigentlich wollte ich auch gar nicht schlafen, obwohl ich todmüde war. Nach 16 Jahren habe ich wieder angefangen zu rauchen – und zwar auf eine völlig selbstzerstörerische Art. Nicht aus Genuss, sondern nach dem Motto: „Tut mir nicht gut, gib mir gleich noch eine.“ Eigentlich war fast alles, was ich gemacht habe, selbstzerstörerisch. Nur wenn meine Jungs bei mir waren, hatte ich durch das Wechselmodell wenigstens etwas Struktur. Das hat mich getragen.
Mit der Hilfe aus der Tagesklinik, den Gesprächen und den neuen Routinen kam langsam wieder Ordnung in mein Leben. Natürlich gibt es auch heute gute und schlechte Tage – das gehört zum Leben dazu. Aber ich bin heute an einem völlig anderen Punkt als noch vor drei Jahren.
Und dieser Abend am 3.10.2025 und die zweimonatige Vorbereitung darauf war eine ganz andere und besondere Art von Therapie für mich. Und das habe ich posthum auch wieder Lanni zu verdanken.
Sandra: Es gab in deinem Leben noch weitere Verluste.
Kay: Ja. Kurz vor Lannis Tod starb ein gemeinsamer Freund: Loki, Matthias Müller. Er war Zeichner, kam aus der Leipziger Soundsystem-Szene und hat viel mit Ronny Trettmann zusammengearbeitet. Für den Germaican Observer (das war unser gemeinsam betriebenes Webzine im Kontext von Lannis Recordslabel Germaican Records, für das ich als Webmaster, Fotograf, Grafiker, Webdesigner gearbeitet hatte) hat er damals kleine Comics zu unseren Interviews gezeichnet – mit Gentleman, Shaggy, Sean Paul und vielen anderen. Ein ganz alter Freund. Er war gerade in Uganda unterwegs. Zwischendurch schrieb er immer mal Nachrichten, schickte Fotos oder meldete sich einfach. Irgendwann kam dann plötzlich die Nachricht, dass er gestorben war. Das konnte ich zuerst überhaupt nicht begreifen. Ich habe immer noch darauf gewartet, dass plötzlich eine Nachricht von ihm kommt: „War nur ein schlechter Witz. Alles gut.“ Zusammen mit Alexander Pehlemann (Autor, DJ, Herausgeber, Netzwerker u.v.m.) wurde dann eine Gedenkausstellung organisiert. Ich habe dafür die Sachen zusammengesucht, die ich noch von Loki hatte – unter anderem Originalzeichnungen. Das war alles so unwirklich. Und wir waren noch gar nicht richtig dabei, diesen Verlust zu verarbeiten. Dann kam kurz darauf Lannis Tod. Das hatte noch einmal eine ganz andere Wucht.
Sandra: Was hat Lanni für dich persönlich bedeutet?
Kay: Sehr viel. Mit Lanni begann eine sehr intensive Zeit. Er hat mich in seinen Dancehall-Kosmos hineingeholt. Wir haben zusammen gewohnt, ich habe seine Zwillinge von klein an aufwachsen sehen. Wir waren eine richtige WG-Familie in der Brandvorwerkstraße. Er war auf ganz vielen Ebenen ein Vorbild für mich. Durch ihn habe ich gelernt, wie man gleichzeitig Gentleman und Bad Man sein kann – also freundlich, zugewandt und aufmerksam und trotzdem bissl Schlitzohr, selbstbewusst und unabhängig. Einmal sagte er zu mir: „Kay, mit dir kann man richtig gut Musik hören.“ Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, aber das bedeutet mir bis heute viel. Wir saßen oft stundenlang im Auto, hörten Musik und konnten uns manchmal gar nicht überwinden auszusteigen, weil wir den Song noch zu Ende hören wollten, mussten. Natürlich gab es auch die großen gemeinsamen Projekte. Festivals, Veranstaltungen – wir haben Dinge auf die Beine gestellt, die damals riesig waren. Wir haben groß gedacht und groß gearbeitet. Wir waren beide richtige Arbeitstiere. Wobei Lanni in Sachen Arbeitspensum alle getoppt hatte, die ich kannte. Ein unglaublich fokussierter Workaholic in allem, was er tat. Aber vor allem war er einfach ein sehr wichtiger Freund, ein vielschichtiges Vorbild und ein ganz besonderer Mensch.

Fotos & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Hattet ihr in den letzten Jahren noch Kontakt?
Kay: Ja, aber anders als früher. Irgendwann entwickelte sich unsere Freundschaft zu einer schwierigen Mischung aus Business und Freundschaft. Das kennen vielleicht manche: Wenn beides ineinander übergeht, wird es kompliziert. Ich habe damals unglaublich viel für ihn gearbeitet – als Webmaster, Fotograf, Promoter, Grafiker. Mit der Zeit liefen finanzielle Forderungen auf, die nie richtig geklärt wurden. Ich möchte gar nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich fand damals nicht, dass das gut gelöst wurde. Gleichzeitig geriet mein eigenes Leben aus den Fugen. Ich hatte immense Schulden beim Finanzamt, meine damalige Freundin bekam Krebs. Irgendwann musste ich die Reißleine ziehen, weil sonst mein eigenes Leben zusammengebrochen wäre. Das war unglaublich schwer. Es fühlte sich wieder an, als müsste ich mir etwas aus dem Herzen reißen. Trotzdem wusste ich irgendwann: Ich muss jetzt zuerst für mich und die meinen sorgen. Danach hatten wir erst einmal keinen Kontakt. Ich war enttäuscht, weil ich mich von ihm als Freund im Stich gelassen fühlte. Umso glücklicher bin ich heute darüber, dass wir uns einige Jahre später auf dem 50. Geburtstag zweier gemeinsamer Freunde wiedergesehen haben. Lanni kam auf mich zu und sagte sinngemäß: „Ich weiß noch genau, was damals passiert ist. Ich habe das nicht vergessen. Und es tut mir leid, wie das gelaufen ist.“ An diesem Abend haben wir uns versöhnt. Und dafür bin ich bis heute dankbar. Denn nach dem Tod eines Menschen denkt man oft: Hätten wir uns doch noch ausgesprochen. Genau das mussten wir zum Glück nicht mehr bereuen. Danach trafen wir uns immer mal wieder – zum Fußballschauen oder einfach zum Reden.
Diese Erfahrung erinnert mich übrigens sehr an meine Mutter. Auch unsere Beziehung war nicht immer einfach. Irgendwann habe ich verstanden, dass sie sich mit über 80 Jahren nicht mehr grundsätzlich verändern würde. Also habe ich entschieden, lieber gemeinsame Erinnerungen zu schaffen, statt alte Konflikte weiterzutragen. Wir haben zusammen eine Kreuzfahrt gemacht. Ich bin mit ihr zu einem Konzert von Wolf Biermann gefahren. Später waren wir auch bei Harry Belafonte. Das waren Künstler, die sie ihr Leben lang begleitet hatten.
Heute bin ich unendlich froh über diese Momente. Mit Lanni war es ähnlich. Wir konnten noch gemeinsame Erinnerungen schaffen.
Sandra: Beruflich wart ihr zuletzt nicht mehr verbunden?
Kay: Nein. Beruflich hatte sich das verändert. Das Musikgeschäft war längst nicht mehr so wie früher. Plattenverkäufe spielten kaum noch eine Rolle, vieles lief digital. Lanni arbeitete zuletzt als Gästeführer auf der Vineta (Störmthaler See). Ich wollte immer einmal mitfahren, weil ich wusste: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob Lanni vor Tausenden von Menschen auf einer Bühne steht, in einem kleinen Club oder auf einem Ausflugsschiff. Er war einfach Entertainer. Dabei hat er selbst das nie so gesehen. Er sagte immer nur: „Naja, irgendjemand muss es ja machen.“ Er war ein großartiger Geschichtenerzähler. Er interessierte sich unglaublich für Geschichte und konnte Menschen mit seinen Erzählungen mitnehmen. Ich kann mir gut vorstellen, wie begeistert die Leute auf diesem Schiff gewesen sein müssen. Leider habe ich das nie erlebt.
Ein paar Wochen vor seinem Tod machte ich eine Radtour zum Störmthaler See (wo er arbeitete). Ich schrieb ihm eine SMS, ob wir uns dort vielleicht auf einen Kaffee treffen wollen. Er antwortete: „Heute habe ich frei. Machen wir ein andermal.“ Dieses „andermal“ gab es dann leider nicht mehr.
Sandra: Was macht es mit dir, wenn du merkst, dass Menschen aus dem eigenen Umfeld sterben? Man fühlt sich selbst ja immer gar nicht so alt – und trotzdem passiert es plötzlich immer häufiger.
Kay: In den vergangenen Jahren sind mehrere Menschen gestorben, die mir unglaublich nahestanden. Meine Mutter. Meine Tochter. Dann Loki. Und schließlich Lanni. Diese Verluste haben bei mir aber gar nicht so sehr die Angst ausgelöst, dass ich selbst sterben könnte. Viel stärker beschäftigt mich, was das für meine Kinder bedeutet. Mit meinen Jungs spreche ich nicht ständig über den Tod, sondern vor allem über das Leben. Aber natürlich gehört der Tod dazu. Ich sage ihnen immer: Alles, was lebt, kann sterben. Ob eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch. Ob mit einem Jahr, mit 50 oder mit 80 – das spielt keine Rolle. Das ist einfach Teil des Lebens.
Trotzdem staune ich jedes Mal, wie sehr mich der Verlust nahestehender Menschen aus der Bahn wirft. Eigentlich weiß mein Kopf, dass Tod zum Leben gehört. Dass wir das nicht kontrollieren können. Irgendwo ist das auch Teil einer größeren Ordnung. Aber mein Herz funktioniert offenbar anders. Der Schmerz, die Trauer und der Verlust treffen mich jedes Mal mit voller Wucht. Ich wäre manchmal gern etwas cooler oder abgeklärter – aber ich bin es nicht. Trauer kostet mich unglaublich viel Kraft. Ich brauche sehr lange, um sie zu verarbeiten. Ich glaube allerdings nicht, dass ich deshalb ständig darüber nachdenke, wer als Nächstes sterben könnte. Das tue ich eigentlich nicht. Vielleicht verdrängt man so etwas auch ein Stück weit. Wahrscheinlich machen das die meisten Menschen. Das Einzige, worüber ich in letzter Zeit tatsächlich nachgedacht habe, ist eine Patientenverfügung. Einfach als praktischer Gedanke. Nicht aus Angst, sondern weil ich Verantwortung übernehmen möchte. Ansonsten beschäftigt mich vor allem eines: dass mich jeder neue Verlust immer wieder vollkommen überwältigt.

Foto & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Versucht man irgendwann, einen anderen Umgang mit Trauer zu finden? Nicht, um sie zu unterdrücken – sondern damit sie einen nicht jedes Mal komplett überwältigt?
Kay: Ehrlich gesagt habe ich darüber noch gar nicht bewusst nachgedacht. Die Todesfälle kamen in einer Zeit, in der einfach alles Schlag auf Schlag passierte. Da blieb kaum Raum, überhaupt etwas zu verarbeiten. Und gleichzeitig weiß ich gar nicht, ob ich das möchte. Natürlich kostet mich diese Trauer wahnsinnig viel Kraft. Aber sie zeigt mir eben auch, wie wichtig mir ein Mensch gewesen ist. Je stärker mich der Verlust trifft, desto klarer wird mir, welche Bedeutung dieser Mensch in meinem Leben hatte.
Deshalb lasse ich diese Trauer auch zu. Wenn sie kommt, dann kommt sie. Es ist fast wie eine Welle, in die ich mich hineinbegebe. Sie ist kalt, schmerzhaft und überwältigend – aber gleichzeitig hat sie auch etwas Beschützendes. Fast wie ein Kokon. Ich möchte diese Trauer gar nicht verdrängen. Ich möchte mich erinnern. Ich möchte die Geschichten behalten. Denn ich glaube, solange diese Erinnerungen da sind, ist ein Mensch auch nicht wirklich verschwunden. Genau das habe ich an Lannis Abschiedsabend gespürt. Er war die ganze Zeit präsent. Ich konnte ihn förmlich vor mir sehen – mit seinem breiten Grinsen, wie er irgendwo steht und sagt: „Easy Kay. Mach dich locker. Alles gut. Genießt die Party. Bless.“
Und genau deshalb fühlt sich diese große Trauer für mich manchmal fast wie ein Ausdruck von Liebe an. Ich glaube sogar, dass ich diese Trauer ganz bewusst zulasse. Manchmal schaue ich mir alte Fotos an. Petra hat mich vor Lannis Abschiedsparty noch einmal in den Arm genommen und mir ein Foto geschenkt. Darauf stehen Lanni und ich bei unserem letzten TAM-Konzert im Conne Island einfach nebeneinander. Ganz ruhig. Wir hatten damals die Regel: Auf Fotos wird nicht gelacht. Natürlich gibt es Momente, in denen mich so etwas wieder völlig überrollt. Aber darin liegt für mich auch etwas Schönes. Denn genau dadurch ist dieser Mensch eben nicht weg. Die Geschichten bleiben. Die Fotos bleiben. Die Erinnerungen bleiben. Die Musik bleibt. Ich glaube sogar, dass ich all das bewusst wachhalte, weil ich Angst habe, dass es irgendwann verschwindet. Das möchte ich nicht. Die Menschen sind zwar gegangen, aber auf einer anderen Ebene sind sie immer noch da. Solange ich ihre Geschichten erzähle und mich erinnere, bleiben sie lebendig.
Natürlich tut das – gerade kurz nach einem Todesfall – unglaublich weh. Gleichzeitig tröstet es mich aber auch, weil ich merke, wie viel von diesem Menschen noch da ist. Wie sehr er mein Leben geprägt hat. Und genau das möchte ich gar nicht verlieren. Deshalb habe ich manchmal sogar das Gefühl, dass ich gar nicht möchte, dass diese Trauer vollständig verschwindet. Natürlich wird sie mit der Zeit leiser. Sie wird Teil des Alltags. Das muss auch so sein, sonst würde man irgendwann daran zerbrechen. Aber ganz verschwinden soll sie gar nicht. Es ist wie bei der Trauer um meine Mutter. Sie ist heute anders als früher. Nicht mehr so überwältigend, nicht mehr so kräftezehrend. Aber sie gehört weiterhin zu meinem Leben. Und ich glaube, das wird bis zum Schluss so bleiben. Trauer verändert ihre Form – aber sie bleibt.

Foto & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Du wünschst dir manchmal, mit Verlusten und Emotionen etwas „cooler“ umgehen zu können. Gleichzeitig beschreibst du deine Gefühle sehr offen und sehr intensiv. Warum wünschst du dir das mitunter trotzdem?
Kay: Wahrscheinlich, weil Trauer unglaublich viel Energie kostet. Es gibt Phasen, in denen ich dadurch kaum etwas anderes machen kann. Aber während wir darüber sprechen, merke ich gerade selbst, dass dieser Wunsch vielleicht gar nicht wirklich aus mir kommt. Vielleicht ist das etwas, das von außen an mich herangetragen wurde. Unsere Gesellschaft vermittelt ja oft, dass man Emotionen im Griff haben sollte. Dass man sich zusammenreißt. Vor allem als Mann. Während ich jetzt darüber nachdenke, wird mir eigentlich bewusst: Ich will gar nicht cooler sein. Denn wenn ich anfangen würde, diese Gefühle wegzupacken oder zu verdrängen, würde ich sie wieder in eine Schublade stecken. Und genau das wäre doch falsch. Trauer muss raus. Sie darf alles durcheinanderbringen. Das ist völlig in Ordnung.
Ich war schon immer ein sehr emotionaler Mensch. Ich bin einer, der bei typischen Stellen in Filmen heult. Oder bei Musik. Vor Kurzem habe ich gelesen, dass es dafür einen Begriff gibt: Frisson. Menschen, die bei bestimmten Harmonien oder Klängen Gänsehaut und Schauer bekommen und sogar weinen müssen. Da dachte ich sofort: Das bin ich. Das war schon als Kind so. Wenn bei uns Harry Belafonte oder Charles Aznavour lief, hat mich das tief berührt.
Ich reagiere körperlich auf Musik. Das steuere ich gar nicht bewusst. Mein Gehirn, mein Herz oder mein Bauch – irgendetwas macht das einfach.
Ich bin auch jemand, der mit anderen Menschen über den verstorbenen Menschen spricht. Geschichten erzählt. Erinnerungen austauscht. Denn genau dadurch merke ich: Der Mensch ist immer noch da. Deshalb gehe ich auch zu Trauerfeiern. Nicht, weil ich Trauerfeiern mag – sondern weil ich dort nicht allein mit der Trauer bin. Ich kann zwar auch allein trauern. Aber es hilft mir, diese Trauer zu teilen. Und ich möchte dabei gar nicht cool sein. Ich möchte einfach der Mensch sein dürfen, der ich bin.
Sandra: Was meinst du damit, dass du dort nicht allein bist?
Kay: Jeder Mensch trauert anders. Und das ist völlig in Ordnung. Bei Lokis Trauerfeier wurde zum Beispiel darüber gesprochen, warum manche Menschen nicht gekommen seien. Da habe ich gesagt: „Das ist doch deren Entscheidung. Jeder muss selbst wissen, wie er trauert“. Der eine braucht die Gemeinschaft. Der andere geht allein in den Wald, spricht in Gedanken mit dem Verstorbenen oder verarbeitet alles für sich. Es gibt dabei kein Richtig und kein Falsch. Niemand hat das Recht zu sagen: „So musst du trauern.“ Für mich persönlich sind Trauerfeiern oder Beerdigungen deshalb wichtig, weil ich dort Menschen treffe, die den Verstorbenen ebenfalls geliebt haben. Bei Lanni haben wir seine Asche gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Kindern am Störmthaler See verstreut. In solchen Momenten bin ich körperlich nicht allein. Und gleichzeitig passieren dort viele andere Dinge. Man trifft Menschen, die man seit Jahren nicht gesehen hat. Man erzählt sich Geschichten. Alte Erinnerungen tauchen wieder auf. Manchmal wird sogar gelacht. Nicht, weil der Tod unwichtig wäre, sondern weil man sich an gemeinsame Erlebnisse erinnert. Im nächsten Moment überrollt einen die Trauer wieder. Dann nimmt man sich gegenseitig in den Arm. Oder sitzt einfach schweigend nebeneinander und weint. Und genau das finde ich trotz allem schön. Nicht den Verlust. Aber dieses gemeinsame Tragen der Trauer.
Natürlich verbringt man den größten Teil der Trauer letztlich allein. Und auch das ist wichtig. Allein sortiert man vieles. Man ordnet Erinnerungen ein. Man begreift langsam, was eigentlich passiert ist. Das gehört alles zur Trauerarbeit dazu. Aber bei einer Trauerfeier oder einer Beerdigung merkt man: Man ist mit all dem nicht allein. Nicht körperlich. Nicht mit den Gedanken. Nicht mit den Gefühlen. Manchmal schweigt man einfach nur gemeinsam. Oder liegt sich weinend in den Armen. Auch das kann unglaublich tröstlich sein. Genau das meine ich, wenn ich sage: In diesen Momenten bin ich nicht allein.
Sandra: Hat dir die Therapie in der Tagesklinik dabei geholfen, so offen über deine Gefühle zu sprechen? Oder konntest du das schon immer?
Kay: Eigentlich konnte ich das schon immer. Es gibt dieses großartige Fischmob-Album mit dem Titel „Männer können seine Gefühle nicht zeigen.“ Ich musste darüber oft schmunzeln. Natürlich bin ich auch mit diesen klassischen Vorstellungen von Männlichkeit aufgewachsen. Gerade unter Jungs war das oft schwierig. Da war ich schnell die „Heulsuse“, weil Gefühle zeigen eben nicht besonders angesagt war. Aber grundsätzlich war ich schon immer eher der emotionale Typ. Wenn man unbedingt in diesen alten Rollenbildern denken möchte, würde man wahrscheinlich sagen: „Der hat eher eine weibliche Seite.“ Aber eigentlich stimmt schon diese Beschreibung nicht. Das bin einfach ich. So bin ich. Vielleicht manchmal sogar ein bisschen zu emotional – aber das gehört zu meinem Wesen.

Foto & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Wie hat dein Umfeld darauf reagiert? Vor allem die Jungs in deiner Clique?
Kay: Das war schon ein Thema. Gerade als Jugendlicher will man dazugehören. Man übernimmt viele Dinge unbewusst. Ich hatte Phasen, in denen ich mit ziemlich harten Typen unterwegs war – viel Testosteron, viel Macho-Gehabe. Ich wollte dazugehören und mich in dieser Welt behaupten. Natürlich habe ich meine emotionale Seite dort eher verschlossen. Das passte einfach nicht in dieses Umfeld.
In der Schule war das ähnlich. Ich war oft der Klassenclown. Wahrscheinlich auch, um meinen Platz zu finden.
Mit ganz engen Freunden konnte ich über Gott und die Welt reden. Da war Raum für Gefühle und persönliche Gespräche. Aber in der größeren Clique war das kein Thema. Da hat man solche Dinge lieber in eine Schublade gepackt.
Sandra: Hat dieses Zurückhalten deiner Gefühle etwas mit dir gemacht?
Kay: Ich finde gar nicht, dass man immer alles nach außen tragen muss. Es muss nicht jeder ständig sein Innerstes preisgeben. Das wäre für viele Menschen auch überfordernd. Aber ich hatte großes Glück. Die wichtigsten Dinge, die ich im Leben gelernt habe, habe ich oft von Frauen gelernt. Mein Vater stammt aus Ägypten. Ich habe ihn nie kennengelernt. Ich bin bei meiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die eine sehr starke Persönlichkeit war. Ihr verdanke ich unglaublich viel.
Die wirklich prägenden Gespräche über Gefühle, über das Leben oder über mich selbst hatte ich häufig mit Frauen. Bei ihnen musste ich keine Rolle spielen. Ich durfte einfach sein – mit allem, was dazugehört. Mit Gefühlen. Mit Unsicherheiten.
Bei Männern spielte häufig das Bedürfnis mit, in der Gruppe dazuzugehören. Frauen dagegen waren für mich oft eine große Bereicherung, weil dort ganz selbstverständlich Raum für solche Gespräche war.
Sandra: Magst du etwas über deinen Vater erzählen?
Kay: Mein Vater kam aus Alexandria in Ägypten. Daher kommt übrigens auch mein zweiter Vorname Alexander. Und Kay wegen Kairo. Meine Mutter hat sich dabei tatsächlich etwas gedacht. Für mich hatte das als Kind immer etwas Exotisches. Gleichzeitig war das aber auch der Moment, in dem ich zum ersten Mal Rassismus erlebt habe.
Als Kind fand ich es zunächst einfach spannend, etwas Besonderes zu sein. In der DDR war das ja nicht alltäglich. Es gab Vertragsarbeiter aus Vietnam oder Kuba, aber sie lebten oft in ihren eigenen Gemeinschaften. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gehörten damals nicht selbstverständlich zum Alltag. Ich fiel auf. Früher hat man mir meine Herkunft auch deutlich stärker angesehen. Ich war dunkler, man sah mir das Südländische mehr an. Und natürlich merkt man irgendwann, dass Menschen einen anders anschauen oder anders behandeln – manchmal ganz subtil. Als Jugendlicher habe ich das sogar ein Stück weit vor mir hergetragen und manchmal ein bisschen damit angegeben: „Mein Vater ist Ägypter.“ Heute sehe ich das natürlich differenzierter.
Ich kenne meinen Vater nur aus den Erzählungen meiner Mutter und von wenigen Fotos. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass ich ihm unglaublich ähnlich bin. Mein Vater war Sportlehrer in Alexandria und dort wohl sehr angesehen. Er trainierte Kinder, war Basketballtrainer und kam für einen Trainerlehrgang nach Leipzig. Da lernte er meine Mutter kennen. Die beiden waren nur kurze Zeit zusammen. Dann fuhr er zurück nach Ägypten – zu seiner Familie. So entstand meine Geschichte. Natürlich hätte ich ihn gern kennengelernt. Ich habe später nach ihm gesucht, aber da war es bereits zu spät. Er war schon gestorben. Damit musste ich irgendwann Frieden schließen. Trotzdem bleibt ein Teil in mir, der sich gewünscht hätte, ihm wenigstens einmal gegenüberzustehen. Einfach, um eventuell zu spüren, wie ähnlich wir uns tatsächlich sind.

Foto & Design: Kay Setzepfand
Sandra: Thema Rassismus: Hast du gemeinsam mit Lanni solche Erfahrungen gemacht?
Kay: Gemeinsam eigentlich nicht. Jeder von uns hatte seine eigenen Erfahrungen. Lanni kannte natürlich die Realität rechter Gewalt. Überfälle, Neonazis, Konzerte – all das gehörte leider zu unserer Lebenswirklichkeit. Und grundsätzlich gilt: Wenn du als Schwarzer oder als Mensch mit sichtbarer Migrationsgeschichte lebst, begegnet dir Rassismus oft schon in subtilen Formen.
Ich habe auch schon als Kind Rassismus erlebt. Ich bin damals auf eine neue Schule gekommen. Dort gab es einen Mitschüler, der mich ständig „Mischling“ nannte (was in meinem Fall schon rein faktisch völlig falsch war). Immer wieder. „Scheiß Mischling.“ Damals habe ich das geschluckt. Aber natürlich tat das weh. Das ist eine klassische Rassismus-Erfahrung. Du bist ein Kind. Du kannst nichts dafür, wie deine Haut aussieht, welche Haarfarbe du hast oder woher deine Eltern kommen. Und trotzdem wirst du plötzlich so behandelt, als wärst du weniger wert als andere. Genau das habe ich damals erlebt.
Irgendwann eskalierte die Situation. Im Sportunterricht beleidigte er mich wieder. Und da war für mich einfach Schluss. Eine rote Lampe ging an. Ich habe ihm ordentlich eine verpasst. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich körperliche Gewalt angewendet habe. Ich will Gewalt überhaupt nicht verherrlichen. Aber in diesem Moment war für mich eine Grenze überschritten. Danach war Ruhe. Er hat mich nie wieder beleidigt. Der Sportlehrer nahm mich danach zur Seite und sagte sinngemäß: „Ich heiße Gewalt nicht gut. Aber in diesem Fall war es wichtig, dass du dich gewehrt hast.“ Für mich war das damals eine prägende Erfahrung. Nicht, weil ich gelernt hätte, dass Gewalt eine Lösung ist, sondern weil ich zum ersten Mal erlebt habe, wie wichtig es ist, eine klare Grenze zu ziehen, wenn jemand deine Würde permanent verletzt.
Sandra: Ich möchte noch einmal auf den Abend in der Moritzbastei zurückkommen. Wie hast du diesen Abend insgesamt erlebt?
Kay: Viele haben hinterher gesagt, es habe sich angefühlt wie ein schönes Klassentreffen. Und so ähnlich war es auch.
Schon im Vorfeld haben wir, wie gesagt, überlegt, was nach der Beerdigung passieren soll. Uns war klar: Wir wollten nicht einfach auseinandergehen. Also entstand die Idee einer geschlossenen Veranstaltung in der Moritzbastei.
Am Anfang gab es eine Gästeliste mit Menschen, von denen wir dachten, dass sie Lanni besonders nahestanden. Aber dann wurde die Liste immer länger. Jeder brachte noch jemanden mit. Und irgendwann dachte ich: Eigentlich ist das auch richtig so. Denn selbst Menschen, die Lanni nie persönlich kennengelernt hatten, hatten durch seine Musik oder seine Arbeit etwas von ihm bekommen.
Am Ende waren rund 350 Menschen da. Das war wunderschön. Die Vorbereitung war zwar Hardcore – zwei Monate Ausnahmezustand, kaum Schlaf, unzählige Nachtschichten –, aber ich hatte nur einen Gedanken: Ich möchte etwas schaffen, das Lanni gerecht wird. Etwas Schönes. Etwas, das den Menschen in Erinnerung bleibt. Und genau das ist an diesem Abend passiert.

Foto: Martin Heilmann, Design: Kay Setzepfand
Da waren Menschen aus völlig unterschiedlichen Szenen und Generationen. Alte Punks, Musikerinnen und Musiker, Nachbarn, Freunde, Weggefährten, Familien mit ihren Kindern. Und überall traf man Menschen wieder, die man 20 oder 30 Jahre nicht gesehen hatte – und trotzdem konnte man sofort dort weitermachen, wo man früher aufgehört hatte. Deshalb passte dieses Wort „Klassentreffen“ tatsächlich ziemlich gut.
Für mich persönlich war der Abend aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig. Viele Musiker kamen auf mich zu und sagten: „Am meisten freue ich mich darauf, dich endlich wieder Schlagzeug spielen zu sehen.“ Dabei sollte es an diesem Abend überhaupt nicht um mich gehen. Und trotzdem habe ich eine unglaubliche Wertschätzung erfahren.

Fotos: Sebastian Willnow, Design: Kay Setzepfand
Ein Freund, der früher mit Lanni Musik gemacht und ebenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr auf einer Bühne gestanden hatte, nahm mich in den Arm und sagte, wie sehr er sich auf diesen Moment freue. Das war unglaublich berührend. Bei aller Traurigkeit war dieser Abend vor allem eines: ein Fest des Lebens.
Wir haben Musik gefeiert. Wir haben Lanni gefeiert. Und genau das konnte man den Menschen ansehen. Nachher waren alle beseelt.
Es gab Livebands, DJs, Soundsystems, Lesungen, Redebeiträge – alles hatte seinen Platz. Diese Mischung machte den Abend so besonders. Mehrere Leute sagten hinterher sogar: „Wenn ich irgendwann einmal gehe und das irgendwie möglich wäre – so einen Abschied würde ich mir auch wünschen.“ Das fand ich schon erstaunlich.
Sandra: Warum hat das deiner Meinung nach gerade bei Lanni so funktioniert?
Kay: Ich glaube, weil er wirklich ein außergewöhnlicher Mensch war. Viele kannten ihn über seine Musik oder wussten, dass er eines der erfolgreichsten Dancehall-Labels Europas aufgebaut hatte. Aber das allein erklärt es nicht. Für unglaublich viele Menschen war Lanni auf ganz unterschiedlichen Ebenen wichtig. Er war menschlich unglaublich integer. Er war Mentor für junge Musikerinnen und Musiker. Er hat Menschen entdeckt, gefördert und ihnen Türen geöffnet. Er war jemand, der andere mitgezogen hat. Eine Lokomotive. Und genau deshalb kamen an diesem Abend Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen, Szenen und Lebenswelten zusammen. Weil jeder das Gefühl hatte, ihm etwas zu verdanken.
Sandra: Lanni war zuletzt Gästeführer auf der Vineta. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein ziemlicher Bruch zu seinem bisherigen Leben.
Kay: Von außen vielleicht. Aber eigentlich überhaupt nicht. Bei seiner Beerdigung habe ich zum ersten Mal erfahren, wie es dazu kam. Eigentlich hatte sich zunächst sein Sohn da beworben. Er war aber noch zu jung. Kurz danach rief Lanni selbst dort an und fragte: „Wie sieht es denn mit mir aus?“ Zu dieser Zeit hatte sich die Musikbranche ohnehin stark verändert. Die Plattenverkäufe gingen zurück. Auch andere Projekte, an denen er beteiligt war, brachen weg. Er musste sich neu orientieren. Lanni war immer ein Stehaufmännchen. Er hat nie lange darüber gejammert, wenn etwas nicht mehr funktionierte, sondern geschaut, was als Nächstes möglich ist. Und eigentlich passte diese Aufgabe perfekt zu ihm.
Er liebte Geschichte. Er liebte es, Geschichten zu erzählen. Er war Entertainer. Er konnte Menschen begeistern. Nebenbei organisierte er Veranstaltungen, kümmerte sich um Technik und Booking. Und irgendwann wollten die Gäste sogar ganz gezielt nur noch Touren buchen, wenn Lanni Dienst hatte. Das sagt eigentlich alles.
Sandra: Du hast anfangs erwähnt, dass du dich durch die Musik wieder lebendig gefühlt hast. Heißt das im Umkehrschluss, dass dir dieses Gefühl 20 Jahre lang gefehlt hat?
Kay: Zumindest nicht vordergründig. Über die Jahre haben mich immer wieder Leute gefragt, warum ich überhaupt keine Musik mehr mache. Viele sagten: „Du warst doch ein guter Schlagzeuger. Warum hörst du komplett auf?“ Ich selbst habe mich übrigens nie für einen besonders guten Schlagzeuger gehalten. Ich hatte dieses Kapitel damals bewusst abgeschlossen. Ich hatte die Musik in eine Schublade gelegt. Und irgendwann war sie einfach verschwunden. Nicht, weil ich sie nicht mehr mochte. Sondern weil mir die Energie fehlte. Für mich gab es nie nur „ein bisschen Musik“. Entweder ganz oder gar nicht. Deshalb konnte ich mir auch nicht vorstellen, einfach gelegentlich in einen Proberaum zu gehen.
Als ich dann nach über 20 Jahren das erste Mal wieder vor der Schießbude saß, hatte ich unglaublichen Respekt. Ich hatte sogar einen richtigen Fluchtreflex. Am liebsten wäre ich wieder gegangen. Zum Glück habe ich das nicht gemacht. Denn in dem Moment, in dem ich angefangen habe zu spielen, war plötzlich etwas wieder da. Etwas, das ich jahrelang nicht gespürt hatte. Ich hatte wieder das Gefühl, für etwas zu brennen. Ich habe bis tief in die Nacht geübt. Immer wieder dieselben Songs gespielt. Mir neue Ideen ausgedacht. Dann kam noch die Arbeit an dem Live-Video dazu.
Ich habe Nächte durchgearbeitet, morgens mit völlig übermüdeten Augen meine Kinder zur Schule gebracht – und trotzdem war mir das völlig egal. Weil ich endlich wieder für etwas gebrannt habe. Dieses Gefühl hatte ich seit den frühen Jahren mit meinen Bands nicht mehr erlebt. Und genau das hat Lanni wieder ausgelöst.

Foto: Petra Aichinger, Design: Kay Setzepfand
Sandra: Aus einem schmerzlichen Verlust ist für dich gleichzeitig ein Neuanfang entstanden.
Kay: Ja. Und genau deshalb ist Lanni für mich eben auch nicht verschwunden. Er ist die ganze Zeit präsent. In den Fotos, in den Videos, in den Geschichten. Ich habe sogar extra Fotografen engagiert, damit dieser Abend dokumentiert wird.
Wenn ich mir die Bilder heute anschaue, sehe ich viele Menschen auf der Bühne, die nach Jahrzehnten plötzlich wieder mit einer unglaublichen Spielfreude zusammen Musik machen.
Und dann gab es noch einen besonderen Moment. Nach dem Konzert stand ich mit Freunden zusammen. Einer von ihnen hatte auch an dem Abend gespielt und seine Tochter erzählte mir, dass sie ihn noch nie live auf einer Bühne erlebt hat. Nur aus Erzählungen und von alten Aufnahmen. An diesem Abend konnte sie zum ersten Mal sehen, wie ihr Vater damals gewesen ist. Und plötzlich wurde mir klar: Meine eigenen Kinder erleben gerade etwas ganz Ähnliches. Auch sie hatten mich noch nie live auf einer Bühne gesehen. Sie kannten diese Geschichte über ihren Vater nur aus meinen Erzählungen. Vor dem Konzert hatte ich ihnen bereits unsere Proben vorgespielt, und da wurde mir bewusst: Jetzt sehen sie zum ersten Mal, dass all diese Geschichten tatsächlich wahr sind. Dass ihr Papa wirklich Musik gemacht hat. Dass er wirklich Schlagzeug gespielt hat. Das Konzert selber war für sie leider zu spät am Abend, aber sie schauten mir mit großen Augen beim Soundcheck zu. Das war für mich fast genauso bewegend wie das Konzert selbst. Es war ein Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart zusammenkamen. Und genau deshalb fühlt es sich für mich bis heute nicht wie ein Ende an, sondern wie ein neuer Anfang.

Fotos & Design: Kay Setzepfand

Kay Setzepfand
*1970 in Leipzig
1976-1986 zehnklassige POS
1986-1988 Druckerlehre, da Studium wegen StaSi und Wehrdiensttotalverweigerung nicht möglich war (urspr. Berufswunsch: Lehrer für Deutsch und Geschichte)
Musikalische Früherziehung durch Mamas Plattensammlung (Harry Belafonte, frz. Chansons, Leonard Cohen, Manfred Krug, Wolf Biermann …)
Frühzeitig Punk gehört und gelebt, ging direkt über in und lebte weiter neben Hardcore und Metal
Seit Harry Belafonte in der Kindheit ist Black Music in seiner ganzen Bandbreite bis heute größter Einfluss
Seit ca. 1988 in diversen Bands getrommelt (u. a. Danse Macabre, CCB, DOD)
1992-2002 Drummer bei Think About Mutation (fünf Alben, unzählige Tourneen)
Seit 2002 als Webdesigner/Grafikdesigner selbstständig
Mehrere Jahre zusammen mit Label-Owner Leander Topp (Ex-Messer Banzani) für das Leipziger Dancehall-Label „Germaican Records“ als Webmaster, Grafiker, Fotograf gearbeitet
Livefotograf (u. a. Splash-Festival)
Webdesigner und Webmaster für diverse
Websites (u. a. Seeed)
Aktuell Grafikdesigner für die ARD-Mediathek
Daddy von zwei Rudebwoyz
Foto linke Seite: Kay Setzepfand
