#22 „GESELLSCHAFT UND TOD”

Liebe Leserinnen und Leser,
„Ein Volk wird danach beurteilt, wie es seine Toten bestattet.“ Dieses Zitat – vornehmlich dem altgriechischen Staatsmann Perikles zugeschrieben – wird gerne angeführt, wenn über Endlichkeitskultur diskutiert wird. Dem folgend stellt sich natürlich die Frage: Wie steht es denn dann um unser (deutsches) Volk? Wir – die FUNUS Stiftung – haben uns Ende 2025 dieser Frage angenommen und bei einem renommierten Marktforschungsinstitut eine entsprechende Umfrage in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dieser Umfrage hat Martin Schunk in diesem Heft analysierend zusammengefasst. Ohne dem vorgreifen zu wollen, kann ich an dieser Stelle schon verkünden: Es gibt aktuell immer noch sehr viele Menschen in diesem Land, die sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen wollen – das Thema bereitet ihnen Unbehagen, oftmals gar Angst. Auch ich kenne solche Menschen, einige darf ich meine Freunde nennen. In ihrer Gegenwart brauche ich erst gar nicht aus meinem Arbeitsalltag zu erzählen, sie wollen es nicht hören. Dementsprechend machen sie sich auch keine Gedanken, wie sie dereinst bestattet werden wollen oder wie sie ihre Liebsten bestatten werden.
Aber macht uns das in Anlehnung an Perikles zu einem „schlechten“ Volk? Ganz sicher nicht. Zum einen weiß ich aus persönlichen Erfahrungen, dass die meisten Menschen, wenn sie sich um die Bestattung einer verstorbenen Person kümmern müssen, einen gut funktionierenden Kompass entwickeln. Als der Gesetzgeber 2004 das Sterbegeld abschaffte, prognostizierten sogenannte Experten eine Welle von anonymen Feuerbestattungen – aus Kostengründen. Diese Welle ist ausgeblieben. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen jungen Mann, Hilfskraft an einer Tankstelle, der in unserem Friedgarten für seine verstorbene Mutter eine Wasserurne gewählt hat, die teuerste Bestattungsform, eben „weil es der Mutti gefallen würde“.
Zum anderen stelle ich in den letzten zehn Jahren einen spürbaren Wandel im Umgang mit dem Tod fest. Dies mag auch an der Zunahme von „Hilfestellungen zum Lebensende“ liegen. Hierzu zähle ich auch die Death Doulas – Sterbeammen –, denen Jana Paulina Lobe einen Beitrag in diesem Heft gewidmet hat. Wie die drunter+drüber verfolgen auch die Death Doulas ein vorrangiges Ziel: Die Angst vor dem Lebensende nehmen.
Ich wünsche Ihnen und Euch viel Freude und viele Erkenntnisse beim Lesen!
Herzlich,
Frank Pasic (Herausgeber)
Dieser Beitrag wurde erstveröffentlicht im drunter+drüber-Printmagazin #22 „Gesellschaft und Tod“ (April 2025)
Über den Autor: Frank Pasic, Jahrgang 1971, ist von Hause aus Jurist, ist dann aber über einen Umweg ins Krematorium gekommen – wo es ihm wider Erwarten gefallen hat. Er ist (Mit-)Gründer der FUNUS Stiftung, die sich für einen offenen Umgang mit dem Tod, der Trauer sowie der Kultur des Bestattens und des Abschiednehmens einsetzt.
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Autorenfoto linke Seite: privat
