TAGEBUCH von Steven Grahl 5: Zwischen Technik und Menschlichkeit

Krematorien wecken in vielen Köpfen bestimmte Bilder.
Die deutsche Geschichte hat dabei sicherlich kein gutes Bild hinterlassen.

Zugegeben, bevor ich meinen ersten Tag im Krematorium antrat, hatte ich selbst noch nie eines von innen gesehen. In meinem Kopf waren das dunkle, kalte und sehr maschinelle Orte mit donnernden Öfen.

Klingt wenig nach Würde, oder?

Dieses Bild verlor ich allerdings schon an meinem ersten Tag.

Es war hell. Es war sauber. Und vor allem roch es deutlich angenehmer, als ich es erwartet hätte.
Nicht steril oder bedrohlich. Eher ruhig.

Genau diesen Eindruck versuchen wir auch bei Führungen zu vermitteln. Habt keine falschen Bilder von diesem Ort.

Denn am Ende geht es hier nicht nur um Technik oder Abläufe. Es geht um Menschen. Um ihre Geschichten. Und um den letzten Weg, den Angehörige gemeinsam mit ihnen gehen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieser Satz endet nicht mit dem letzten Atemzug.

Selbstverständlich gehört es zum Respekt, jederzeit würdevoll mit Verstorbenen umzugehen. Hier im Haus versucht man aber darüber hinaus, auch Raum für die letzten Wünsche der Angehörigen zu lassen.

Trauerbewältigung hat viele Formen und wir möchten dem nicht im Wege stehen.

Da ist die Tochter, die jeden einzelnen Schritt begleiten möchte, um ihrem Vater so nah wie möglich zu bleiben.
Der Vater, der die Asche seiner Tochter selbst vorbereiten möchte, bevor sie in die Aschekapsel verbracht wird.
Familien, die bei der Einfahrt des Sarges dabei sein möchten oder den gesamten Weg begleiten wollen.

Nicht selten begleiten Angehörige sogar gemeinsam mit dem Bestatter die Überführung zu uns.

Gerade in diesen Momenten merkt man, wie wichtig die kleinen Dinge sind.

Vom Ausladen des Sarges bis zur Einfahrt in den Ofen achten die Mitarbeiter darauf, dass alles seine Ordnung hat. Technisch genauso wie menschlich.
Man spricht ruhig. Man nimmt sich Zeit. Man achtet auf Details, die Außenstehende vielleicht gar nicht wahrnehmen würden.

Plötzlich war da zum Beispiel ein Ehepaar, das zeitlich kurz hintereinander verstorben war und zu uns kam.

Ohne große Absprache war irgendwie klar, dass beide gemeinsam ihren letzten Weg gehen sollten. So wie sie ihr Leben gemeinsam verbracht hatten.

Also wurde alles dafür vorbereitet, dass sie auch diesen letzten Schritt nebeneinander gehen konnten.

Niemand hatte das laut ausgesprochen. Und genau das war der besondere Moment daran.

Es sind nicht die großen Worte, die diese Arbeit menschlich machen.
Es sind die kleinen Dinge. Die stillen Gesten. Die Momente, in denen Menschen versuchen, einem anderen Menschen Würde mitzugeben.

Jeder Schritt in der Einäscherung ist darauf ausgelegt, diesen Weg so würdevoll wie möglich zu gestalten.

Nicht nur für die Verstorbenen.
Sondern auch für die Menschen, die zurückbleiben.

Portraitfoto Steven Grahl, aufgenommen im Außenbereich des Flamariums

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.

Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)

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