TAGEBUCH von Steven Grahl 6: sieben Monate

Wussten Sie, dass ein Baby nach etwa sieben Monaten anfängt, alleine zu sitzen? Es erkennt vertraute Gesichter, beginnt zu krabbeln und erkundet seine Umwelt.

Ich bin jetzt seit sieben Monaten im Flamarium.

Laufen musste ich nicht neu lernen. Umdenken schon.

Umdenken heißt für mich, nicht mehr nur für meine eigene Arbeit verantwortlich zu sein, sondern auch für die Arbeit meiner Kollegen und Mitarbeiter. Umdenken von der IT-Welt und großen Konzernen hin zu Bestattungsgesetzen und familiengeführten Unternehmen.

In den letzten Monaten sind viele neue Themen dazugekommen. Sachsen-Anhalt hat zum Beispiel ein neues Bestattungsgesetz bekommen, und es liegt an uns, es zu verstehen und sicher umzusetzen. Wir möchten den Menschen Sicherheit geben, wenn sie Fragen haben.

Auch das Flamarium selbst befindet sich im Wandel. Neue Farben halten Einzug. Frischer, moderner und mit der Zeit gehend. Nach außen soll das ein Zeichen sein: Wir sind da. Altes darf gehen, Neues muss seinen Platz finden.

Ich darf diesen Wandel begleiten, mitgestalten und mitentscheiden. Aufgaben, die für mich neu waren. Bisher habe ich in bestehenden Strukturen gearbeitet. Heute darf ich selbst an ihnen mitwirken. Dass ich Teil davon sein kann, macht mich dankbar.

Parallel dazu das Neue: Gesetze, Verordnungen und Abläufe. Ich komme nicht aus dieser Branche. Manchmal fühle ich mich tatsächlich wie das Kind, das gerade erst gelernt hat zu sitzen und nun neugierig beginnt, seine Welt zu entdecken.

Wie bei vielen Entscheidungen im Leben schaut man nach einer gewissen Zeit zurück und bewertet sein eigenes Handeln neu. Das mache ich auch. Und mein Fazit ist heute dasselbe wie am ersten Tag: Es ist genau das, was ich machen möchte. Und ich bin genau dort, wo ich sein möchte.

Ich wachse. Tag für Tag. Mit dem Schreiben dieser Texte. Mit dem Lesen von Gesetzen und Verordnungen. Mit den Fragen unserer Bestatter. Mit den Gesprächen und der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen.

Die Branche ist traditionsreich und gleichzeitig im Wandel. Auch Bestatter müssen sich den Veränderungen der Zeit stellen. Prozesse werden digitaler, Technik hält Einzug und Arbeitsweisen verändern sich. Genau hier hilft mir meine Vergangenheit. Digitalisierung und Technik sind eine Sprache, die ich fließend spreche.

Wenn ich Besucher durch unsere Räume führe und ihnen erzähle, wer wir sind und wie wir arbeiten, merke ich etwas an mir selbst. Ich mache das mit Herzblut. Und wenn ich ehrlich bin, auch mit ein wenig Stolz.

Nach einer Führung höre ich oft, wie überrascht die Besucher sind. Sie erzählen von der Menschlichkeit, die sie im Haus gespürt haben. Von der Ruhe. Von den Kollegen. Und manchmal auch von der Art, wie ich durch das Haus geführt habe.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen dem Kind, das gerade sitzen gelernt hat, und dem Menschen, der nach sieben Monaten angekommen ist.

Ich habe in dieser Zeit nicht nur eine neue Branche kennengelernt. Ich habe meinen Platz in ihr gefunden.

Portraitfoto Steven Grahl, aufgenommen im Außenbereich des Flamariums

Über den Autor: Steven Grahl war über 13 Jahre im IT-Vertrieb tätig. Gleichzeitig engagiert er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Notfallseelsorge und begleitet Einsatzkräfte sowie Menschen in schweren Momenten.
Ende 2025 hat er sich bewusst für einen neuen beruflichen Weg entschieden und arbeitet nun für das Flamarium Saalkreis. Für ihn steht dabei der Mensch im Mittelpunkt: zuhören, da sein, Halt geben. Seine Erfahrungen aus beiden Welten prägen sein Schreiben und sein Handeln.

Foto: Madlen Lohman (Maloh Fotografie)